Heute gibt es eine Vielzahl von Softwarelösungen für das maschinelle Lernen, doch diese sind in der Regel nur für den PC verfügbar und nutzen Python als Programmiersprache. Eine Lösung, die das Ausführen und Trainieren von neuronalen Netzen auch auf eingebetteten Systemen, wie z. B. Mikrocontrollern, ermöglicht, liegt aktuell nicht vor. Es kann jedoch hilfreich sein, das Training direkt auf dem eingebetteten System durchzuführen – etwa wenn sich ein implantierter
Sensor selbst kalibrieren soll. Die Vision ist eine sensornahe KI, die direkt in ein Sensorsystem integriert werden kann. Mit AIfES (Artificial Intelligence for Embedded Systems) hat ein Forscherteam am Fraunhofer IMS diese Vision umgesetzt und eine Machine-Learning-Bibliothek in der Programmiersprache C entwickelt, die auf Mikrocontrollern lauffähig ist, darüber hinaus aber auch andere Plattformen wie PC, Raspberry PI oder Android unterstützt. Die Bibliothek umfasst aktuell ein voll konfigurierbares künstliches neuronales Netz (KNN), das bei Bedarf auch tiefe Netze für das
Deep Learning erzeugen kann. Ein KNN ist der Versuch, das menschliche Gehirn mit Algorithmen mathematisch nachzubilden, um funktionale Zusammenhänge für Algorithmen erlernbar zu machen. AIfES wurde speziell für eingebettete Systeme optimiert. "Wir haben den Quellcode auf ein Minimum reduziert, dadurch lässt sich das KNN direkt auf dem Mikrocontroller oder auf dem Sensor, also dem eingebetteten System, trainieren. Außerdem ist der Quellcode universal gültig, er lässt sich für nahezu jede Plattform kompilieren. Da immer die gleichen Algorithmen genutzt werden, ist ein KNN, das z. B. auf dem PC erstellt wurde, einfach auf einen Mikrocontroller portierbar. Dies ist bislang mit kommerziell erhältlichen Softwarelösungen so noch nicht möglich", sagt Dr. Pierre Gembaczka, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IMS.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der sensornahen KI des Fraunhofer IMS: Bislang werden Künstliche Intelligenz und neuronale Netze vor allem für Bildverarbeitung und Spracherkennung eingesetzt. Bei einigen Systemen verlassen die Daten die lokalen Systeme. In der Cloud, auf externen Servern, werden dann z. B. Stimmprofile verarbeitet, da die Rechenleistung der lokalen Systeme nicht immer ausreicht. "Bei diesem Vorgang ist die Wahrung der Privatsphäre schwierig, zudem werden Unmengen an Daten übertragen. Wir wählen daher einen anderen Ansatz und gehen weg von maschinellen Lernverfahren in der Cloud hin zu maschinellen Lernverfahren direkt auf dem eingebetteten System. Da keine sensiblen Daten das System verlassen, kann der Datenschutz garantiert werden und die zu übertragene Datenmenge wird deutlich reduziert", sagt Burkhard Heidemann, Gruppenleiter »Embedded Systems« am Fraunhofer IMS. "Natürlich können keine riesigen Deep Learning Modelle auf einem eingebetteten System realisiert werden, somit beschäftigen wir uns verstärkt mit der geschickten Merkmalsextraktion zur Reduktion der Eingangssignale." Indem die Forscherinnen und Forscher die KI direkt auf den Mikrocontroller bringen, lässt sich ein Gerät mit zusätzlichen Funktionen ausstatten, ohne dass teure Hardwareänderungen nötig sind.