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„IT follows process"
Krankenhausinformationssysteme: „IT follows process"
02.05.2012

Henning Schneider; © UKE
IT im Krankenhaus einzusetzen ist kostensparend und vereinfacht viele Prozesse. Um ein Krankenhausinformationssystem erfolgreich in die Praxis einzuführen, bedarf es eine Menge Hindernisse zu überwinden: Die medizinischen Abläufe müssen an die IT angepasst und das medizinische Personal entsprechend geschult werden.
Wie sich dieser Prozess bei gleichzeitig immer komplexer werdenden Aufgaben im klinischen Alltag gut integrieren und papierfrei gestalten lässt, darüber sprach COMPAMED.de mit IT-Leiter Henning Schneider des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).
COMPAMED.de: Sie begleiten seit etwa vier Jahren die Einführung eines neuen Informationssystems. Welche Herausforderungen stellten sich am Anfang?
Henning Schneider: In den Anfangsmonaten kam es darauf an, die medizinischen Prozesse auf die IT abzustimmen. Unser Credo lautete: IT follows process. Wir haben daher ein Prozesshandbuch geschrieben, das die gesamten Abläufe im Krankenhaus dokumentiert und die Software mit den Prozessen daran abgestimmt. Für jeden medizinischen Bereich gab es einen Key-User, mit dem wir diese Prozesse definiert haben. Auch nachdem die IT-Systeme eingeführt waren, mussten wir die Prozesse weiter abstimmen. Schließlich hatten wir das Ziel, alle Abläufe komplett papierfrei zu gestalten. Drei leitende Oberärzte, zwei leitende Pfleger und eine leitende MTA bildeten zusammen ein Team, das alle Schritte mit dem Krankenhausvorstand besprach. Wichtig war, dass der Vorstand zu hundert Prozent hinter dem Projekt steht, denn es bedarf eines top-down approachs. Wir waren uns einig, dass ein Krankenhaus der zwei Geschwindigkeiten nicht förderlich ist und wir relativ schnell auf die digitale Akte umsteigen müssen.
COMPAMED.de: Welche Techniken haben Sie für die Abwicklung medizinischer Vorgänge im UKE eingeführt?
Schneider: Um alle technischen Vorgänge gut etablieren zu können, haben wir den Mitarbeitern das komplette System als E-Learning-Tool zur Verfügung gestellt. Hinter der Technik steckt schließlich ein System aus einzelnen Modulen. Als zentrales Modul in der Notaufnahme benutzen wir ein sogenanntes Tracking Board. Ein weiteres Modul ist die Arztbeschreibung. Hier werden aus den Befunden des Patienten und aus einzelnen Formularen die Formulierungen auf Knopfdruck gefiltert, um den Krankheitsverlauf zu beschreiben. Der Arzt muss diesen Brief nur noch überarbeiten und eine Therapieempfehlung hinzufügen. Der Arztbrief ist dann in dem Augenblick fertig, in dem der Patient das Krankenhaus verlässt.
COMPAMED.de: Abgesehen von der Papierflut, die durch die IT eingespart wird, wie wirkt sich die Entwicklung auf die tagtäglichen Klinikabläufe aus?
Schneider: IT macht die Prozesse im Krankenhaus transparenter, vor allem dadurch, dass Ärzte und Pfleger in einem einheitlichen System arbeiten. Für eine Pflegekraft und einen Arzt gestaltet es sich einfacher, in einen anderen medizinischen Bereich zu wechseln. Das verbessert nicht nur die Qualität der Behandlung, sondern auch die interdisziplinäre Arbeit. Heute messen wir jeden Tag circa 50.000 Zugriffe auf Patientenbefunde. Mit einer Papierakte wäre diese Zugriffszahl utopisch gewesen. Somit ist die Zeit des Suchens von Patientenakten vorbei.

Die Speicherung von strukturierten Patientendaten soll Datenmengen einschränken; © panthermedia.net/
czardases
COMPAMED.de: Trotzdem weckt die Digitalisierung von Patientendaten im Zuge der elektronischen Patientenakte Misstrauen. Wie gewährleisten Sie die Datensicherheit der Patienten?
Schneider: Diese Sorge teilen auch die Ärzte, besonders weil Sicherheitslücken die ärztliche Schweigepflicht betreffen könnten. Daher beauftragten wir das Bundesamt für Sicherheit, die Informationssicherheit zu überprüfen und erhielten als erstes Krankenhaus für die Patientenakte das Zertifikat für IT-Grundschutz. Obwohl wir bereits über sehr sichere Netze verfügen, haben wir im Rahmen dieser Zertifizierung sogar die genaue Kommunikationsverbindungen zwischen einzelnen Servern auf Portebene dokumentiert und auf ein Minimum eingeschränkt. Selbst abgeschottete Netzwerke im UKE wurden so noch einmal zusätzlich reglementiert.
COMPAMED.de: Wer erhält die Zugriffsrechte?
Schneider: Es können nur die Fachrichtungen, die an der Behandlung beteiligt sind, auf die Daten eines Patienten zugreifen. Zusätzlich wird jeder Zugriff im System dokumentiert. Möchte ein Arzt einen weiteren Arzt konsultieren, muss er diesen Vorgang in dem intelligenten Berechtigungskonzept hinterlegen. Der Patient kann hinterher auch erfahren, wer auf seine Akten zugegriffen hat. So etwas war bei Papierakten unmöglich.
COMPAMED.de: Bei Tausenden von Patienten im Jahr fallen hohe Datenmengen an. Wie dämmen Sie das Datenwachstum ein und schaffen es gleichzeitig, immer größere Datenvolumina zu verwalten?
Schneider: Das ist die große Herausforderung in den nächsten Jahren. Wir versuchen, die Daten der Patientenakte einzuschränken, indem wir möglichst viele strukturierte Daten speichern. Bei Bilddaten fallen sehr große Datenmengen an, die wir versuchen durch intelligente Komprimierungsverfahren zu reduzieren und eng mit den Ärzten zusammen zu arbeiten. Es geht darum, zu sensibiliseren und ein neues Verständnis zu entwicklen, an welchen Stellen Daten zu speichern sind und bei welchen Vorgängen man sie wieder löschen kann. Eine Möglichkeit, mit den wachsenden Datenmengen umzugehen, könnte die Cloud sein − vorausgesetzt sie ist sicher und kostengünstig. Eine Cloud stellt zudem ganz andere Anforderungen an den Datenschutz und daran muss noch gearbeitet werden.
COMPAMED.de: Wie läuft die optimale, digitale Informationskette zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Diagnosezentren und weiteren Institutionen ab, um Patienten bestmöglich zu versorgen?
Kircher: Die Hausaufgabe ist, dass jede Einheit eigenständig digital arbeitet, denn der Informationsaustausch kann nur digital erfolgen. Sobald es Medienbrüche gibt, beispielsweise, wenn man mit in einem Krankenhaus kooperiert, dass noch mit Papier arbeitet, funktioniert die Zusammenarbeit oft nicht. Die größte Herausforderung ergibt sich für den Bereich der niedergelassen Ärzte. Hier existiert eine heterogene Systemlandschaft. Ein standardisiertes, gesichertes Netzwerk für den Datenaustausch wäre daher wünschenswert.
COMPAMED.de: Medizinische Fachkräfte möchten zunehmend auch ihren eigenen Computer oder ein anderes Mobilgerät einsetzen, „Bring Your Own Device“ (BYOD) ist das Stichwort. Welche Entwicklungen erwarten Sie hier?
Kircher: Mobile Computing stellt zwei Herausforderungen: Zum einen muss der technische Zugang einfach und sicher sein. Es wird wichtig sein, diese Konzepte für die Standardkommunikation wie E-Mail mit dem Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) abzustimmen. Zum anderen sollten die Hersteller von Software eine Oberfläche herstellen, die auf mobilen Geräten funktioniert. Grundsätzlich stellt sich die Frage, an welcher Stelle und für welche Schritte im Prozess man mobile Geräte benutzen möchte. Aufgrund der kleineren Oberflächen und der anderen Bedienkonzepte muss der Funktionsumfang gut auf die Situation abgestimmt sein, in der ich das Gerät verwenden will. Bisher haben wir bei Tests die Geräte nach ein paar Tagen enttäuscht von Anwendern zurückbekommen, weil die Bedienung und Eingabe noch zu kompliziert ist.
Das Interview führte Diana Posth.
COMPAMED.de
