Wie Materialoberflächen Zellgemeinschaften steuern

12.07.2016

Die Zahl der medizinischen Implantate wächst. Allein in Deutschland werden Jahr für Jahr fast eine viertel Million Hüftendoprothesen und zehntausende von Blutgefäßprothesen implantiert. Was den Betroffenen auf der einen Seite ein Plus an Lebensqualität beschert, birgt auf der anderen Seite jedoch nach wie vor Risiken.
Bild: Die Doktoranden Stefan Maenz (l.) und Tam Pham Thanh vom Otto-Schott-Institut für Materialforschung sitzen in ihrem Büro; Copyright: Jan-Peter Kasper/FSU

Die Doktoranden Stefan Maenz und Tam Pham Thanh vom Otto-Schott-Institut für Materialforschung. Jenaer Materialwissenschaftlern ist es nun gelungen, Polymeroberflächen von künstlichen Blutgefäßen so zu verändern, dass sie die Anhaftung der Blutplättchen wesentlich reduzieren; © Jan-Peter Kasper/FSU

"Heutige Implantatmaterialien, wie Polymere und Metalle, können unerwünschte Nebenwirkungen im menschlichen Organismus verursachen", sagt Prof. Klaus D. Jandt von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und nennt als Beispiele das Auftreten von Blutgerinnseln oder Infektionen.

Medizinische Implantate sicherer zu machen, ist ein Ziel des Materialwissenschaftlers Jandt und seines Teams, dem die Forscher nun mit zwei aktuellen Studien einen Schritt nähergekommen sind. Im Fachmagazin Colloids and Surfaces B – Biointerfaces berichten die Jenaer Forscher, wie sie Polymeroberflächen so verändern können, dass diese die Anhaftung von Blutplättchen und damit die unerwünschte Blutgerinnung wesentlich reduzieren. Darüber hinaus zeigen sie, wie sich Oberflächen von Titanimplantaten modifizieren lassen, um das Riskio eines Bewuchses mit gefährlichen Krankheitserregern zu reduzieren.

Blutgefäßprothesen bestehen heute vorwiegend aus Dacron, einem Polyester-Polymer oder Teflon. "Weil Blut dazu neigt, im Kontakt mit diesen Materialoberflächen zu gerinnen, besteht die Gefahr, dass sich die künstlichen Blutgefäße mit Blutgerinnseln verschließen, was lebensbedrohlich sein kann", erläutert Prof. Jandt. Um die Anhaftung von Blutplättchen auf den künstlichen Oberflächen zu verringern, haben sich die Wissenschaftler von der Natur inspirieren lassen. "In natürlichen Blutgefäßen wird die Blutgerinnung u. a. dadurch unterdrückt, dass die Zellen, mit denen die Gefäße ausgekleidet sind, eine typische dreidimensionale Form aufweisen und etwas aus der Gefäßoberfläche herausragen." Diese natürliche Form diente den Materialwissenschaftlern als Vorbild für die Oberfläche eines neuen künstlichen Blutgefäßes.

Wie sie in der nun vorgelegten Untersuchung zeigten, weist diese im Vergleich zu einer herkömmlichen unstrukturierten Polymeroberfläche eine um etwa 80 Prozent geringere Anhaftung von Blutplättchen auf. Mit Computersimulationen zeigten die Materialwissenschaftler weiter, dass die durch die Blutströmung verursachten Scherspannungen (d. h. Strömungskräfte) auf den bioinspirierten Oberflächen für diese reduzierte Anhaftung von Blutplättchen verantwortlich sind. "Wir hoffen, damit eine wichtige Grundlage für neue Gefäßprothesen gelegt zu haben", kommentiert Prof. Jandt diese Ergebnisse, die in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Jena und dem Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e. V. in Heilbad Heiligenstadt entstanden.

Auch beim Verständnis von Infektionen an metallischen Titanimplantaten sind die Materialwissenschaftler der Uni Jena einem bioinspirierten Ansatz gefolgt. So schützt sich eine Reihe von Tieren gegen die Besiedelung durch Mikroorganismen, indem ihre Haut mikroskopisch kleine Strukturen aufweist, die die Anhaftung von Bakterien durch physikalische Kräfte verhindern. Solche Strukturen, wie sie etwa auf der Haut von Haien oder den Flügeln von Libellen vorkommen, haben die Forscher vereinfacht auf das Implantatmaterial Titan übertragen.

Wie sie gemeinsam mit Kollegen vom Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie e. V. (HKI) in ihrer nun veröffentlichten Arbeit belegen, lässt sich dadurch die Anhaftung von Mikroorganismen rein physikalisch um mehr als die Hälfte reduzieren.

COMPAMED.de; Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena
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