Telemedizin kann Stroke Units nicht ersetzen

Hessen gehörte bislang zu den Schrittmachern einer qualitativ hochwertigen Versorgung von Schlaganfallpatienten, sagt Professor Manfred Kaps, Direktor der Neurologischen Klinik der Universität Gießen. Die Einrichtung von Stroke Units sei gesundheitspolitisch früh gefördert worden. Aktuell konzentriere sich die Diskussion auf die Frage, wie in Hessen die Schlaganfallversorgung weiterentwickelt werde solle.

Besondere Aufmerksamkeit komme dabei der Tele(stroke)medizin zu, die Anfang 2006 in Bayern in die Regelversorgung übernommen wurde. Man überlegt, dass Ärzte aus kleineren Kliniken ohne Stroke Unit ihre Schlaganfallkompetenz durch Telekonsile erweitern, um sich auf diese Weise das nötige Expertenwissen zu verschaffen.

"Telemedizin ist eine Hilfestellung für Regionen, in denen die Einrichtung von Stroke Units aufgrund fehlender Bettenkapazitäten nicht möglich ist, sie kann Stroke Unit-Behandlung jedoch keinesfalls ersetzen", sagt Kaps. Schlaganfälle sind nach neuen epidemiologischen Erhebungen mittlerweile häufiger als Herzinfarkte. Für die Volkskrankheit Schlaganfall ist nach Auffassung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft ein geringerer Versorgungsstandard als für Herzinfarkte nicht akzeptabel.

Priorität habe die Verbesserung der Versorgung mit Kompetenz direkt vor Ort, zu der nicht nur eine Telediagnose gehöre, sondern vor allem eine multidisziplinäre Behandlung mit speziell geschultem und qualifiziertem Personal. Es kann daher im Einzelfall sinnvoller sein, etwas längere Wege in Kauf zu nehmen und den Patienten direkt in ein Schlaganfallzentrum zu transportieren. "Eine erfolgreiche Schlaganfallbehandlung setzt qualifizierte Strukturen und ein eingespieltes Team voraus, die nicht einfach durch Telemedizin ersetzbar sind", erläutert Kaps, der befürchtet, dass die Telemedizin als "Feigenblatt für eine zweitklassige Schlaganfallversorgung" von politischen Entscheidungsträgern missbraucht werden könnte.

COMPAMED.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften