Orthopädietechnik in Brasilien: "Offiziell gibt es den Beruf des Orthopädietechnikers nicht"

Interview mit Peter Kuhn, Vize-Präsident der Organisation ABOTEC (Brasilianische Vereinigung für Orthopädietechnik)

Prothesen brauchen Menschen auf der ganzen Welt. Nicht überall gelten jedoch die gleichen Technologie- oder Versorgungsstandards. Während sich die Orthopädietechnik in Deutschland stets weiterentwickelt, wird in Brasilien nicht einmal der Beruf des Orthopädietechnikers offiziell anerkannt.

02/05/2014

Peter Kuhn; © privat

Peter Kuhn; © privat

COMPAMED.de sprach mit Peter Kuhn, Vize-Präsident der Organisation ABOTEC (Brasilianische Vereinigung für Orthopädietechnik), über die Probleme in der Branche und das mangelnde Interesse an Fortschritt in der brasilianischen Politik.

COMPAMED.de
: Herr Kuhn, Sie sind Vize-Präsident der Organisation ABOTEC, die sich für die Entwicklung von Orthopädietechnik in Brasilien einsetzt. Wie entstand die Organisation und welche Ziele verfolgt sie?

Peter Kuhn: Die Organisation ABOTEC - Associação Brasileira de Ortopedia Técnica – wurde 1988 gegründet. Der erste Präsident war damals mein Vater Hans Kuhn. Am Anfang war es ein kleines Familienprojekt, aber im Laufe der Jahre hat sich ABOTEC zu einer der wichtigsten orthopädietechnischen Organisationen in Südamerika entwickelt. Unser Ziel war von Anfang an, Orthopädietechnikhersteller aus ganz Brasilien zu vereinen. Die Entfernungen zwischen brasilianischen Städten betragen oft mehrere tausend Kilometer, was die Kommunikation und den aktiven Austausch zwischen den Akteuren aus unserer Branche erschwert. Deshalb ist ABOTEC ein Bindeglied der Interessenvertreter.

COMPAMED.de: Wie sieht der brasilianische Markt im Bereich Orthopädietechnik zurzeit aus?

Kuhn: Bei über 192 Millionen Einwohnern gibt es in Brasilien mehrere Millionen Menschen mit Behinderung. Der Bedarf an Prothesen und anderen orthopädietechnischen Produkten ist demnach sehr groß. Im internationalen Vergleich sind wir sehr gut aufgestellt, wenn es um die Qualität und den technologischen Fortschritt in der Branche geht. Die wenigsten Brasilianer, die eine Prothese brauchen, können sich jedoch eine solche leisten, die den Technologiestandards aus beispielsweise Deutschland entspricht.
Foto: Mann mit Beinprothese

Die meisten Menschen in Brasilien können sich keine Hightech-Prothese leisten und müssen auf die veralteten Produkte zurückgreifen, die vom Staat erstattet werden; © panthermedia.net/Viacheslav Nikolaienko

COMPAMED.de: Werden die Prothesen nicht von den Krankenkassen oder dem Staat finanziert?

Kuhn: Das staatliche Gesundheitssystem SUS – Sistema Único de Saúde – verfügt über eine Preisliste für Prothesen und Orthesen, die seit mehr als zehn Jahren nicht angepasst wurde. Eine ganz einfache Oberschenkelprothese mit niedrigen Technologiestandards kostet circa 1.200 Dollar, die vom Staat übernommen werden. Diejenigen also, die sich keine andere Prothese leisten können, müssen auf das überalterte Angebot von SUS zurückgreifen.

Das Nationale Institut für Sozialversicherung INSS – Instituto Nacional de Seguro Social – übernimmt die Kosten für Prothesen, die infolge eines Arbeitsunfalls benötigt werden. In einem solchen Fall bezahlt die Versicherung auch eine moderne Hightech-Prothese. Die INSS führt dann jedoch eine Ausschreibung durch und den Auftrag, die Prothese herzustellen, bekommt nur die Firma, die den niedrigsten Preis bietet. Auch wenn sie tausende Kilometer vom Patienten entfernt ist und er bei Bedarf nicht einfach so hinfliegen kann.

COMPAMED.de: Der brasilianische Staat scheint also nur wenig Interesse an Orthopädietechnik zu haben.

Kuhn: Im Vergleich zu anderen Medizinbereichen investiert der Staat extrem wenig in die Orthopädietechnik. Wir wissen zum Beispiel, dass ein großes Krankenhaus in Sao Paulo jeden Monat zwischen 15 und 25 Millionen Dollar für die Forschung und Behandlung von Krebs erhält. Im Gegensatz dazu investierte der Staat im ganzen Jahr 2012 nur etwa 2,7 Millionen Dollar in die Forschung im Bereich Orthopädietechnik.

COMPAMED.de: Woran liegt es Ihrer Meinung nach?

Kuhn: Das liegt daran, dass die Politik kein Interesse an dieser Medizinbranche hat. ABOTEC setzt sich nun seit vielen Jahren in der Politik dafür ein, dass man die bestehenden Probleme erkennt.
Was für mich als Orthopädietechniker das größte Problem darstellt, ist die Tatsache, dass mein Beruf nicht als Beruf anerkannt wird. Denn offiziell gibt es den Beruf des Orthopädietechnikers in Brasilien gar nicht. Es gibt auch keine staatlichen Ausbildungsstätten oder Universitäten, die eine Ausbildung in dieser Richtung anbieten.
Grafik: Karte von Brasilien

Tausende Kilometer Entfernung zwischen den Städten erschweren oft die Versorgung mit Orthopädietechnik in Brasilien; © panthermedia.net/ Jacqueline B ttcher

COMPAMED: Es gibt jedoch einige Orthopädietechnik-Hersteller in Brasilien. Wie wird das Handwerk also erlernt?

Kuhn: Die meisten lernen ihr Fach vom Vater zum Sohn oder vom Chef zum Arbeitskollegen. Andere haben eine Ausbildung im Ausland gemacht – wie zum Beispiel ich in den 80er Jahren in der Schweiz.

Seit ein paar Jahren bietet auch ABOTEC Kurse in der Orthopädietechnik an. Alle sechs Monate kommt dann ein Prüfer aus El Salvador, wo es eine staatliche Ausbildungsstätte gibt, und überprüft die Fähigkeiten unserer Schüler in Theorie und Praxis. Sie bekommen zwar ein Diplom, das jedoch nicht anerkannt wird, weil es ja ein Zertifikat einer ausländischen Einrichtung ist.

COMPAMED: In anderen Ländern Lateinamerikas kann der Beruf also offiziell erlernt werden?

Kuhn: Nach meinem Wissen nur in El Salvador, wo deutsche Investoren eine Ausbildungsstätte eingerichtet haben, und in Argentinien, wo schon seit 20 Jahren zwei Universitäten eine Ausbildung zum Orthopädietechniker anbieten. Das Niveau der Entwicklung in der Orthopädietechnik ist jedoch paradoxerweise in Brasilien wesentlich höher als in diesen Ländern.

COMPAMED: Wie werden sich Brasilien und der dortige orthopädietechnische Markt in Zukunft weiterentwickeln?

Kuhn: Das Wichtigste ist, dass die Probleme auf dem Markt durch die Politik erkannt werden. Ohne aktive Unterstützung brasilianischer Politiker wird sich nicht viel ändern. Dafür kämpfen wir bei ABOTEC jeden Tag seit über 15 Jahren und organisieren jährlich den größten Kongress für Orthopädietechnik in Südamerika, zu dem auch viele internationale Experten aus der Branche eingeladen werden. So hoffen wir stets, das Interesse in der Politik zu wecken.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Michalina Chrzanowska.
COMPAMED.de