Nanotechnologie: ein Schlüssel für die Medizin von morgen

Interview mit Dr. Klaus-Michael Weltring, wissenschaftlicher Leiter, Nanobioanalytik-Zentrum Münster, Sprecher Deutsche Plattform NanoBioMedizin

01.07.2016

Die Medizintechnik hat die Nanowelt zwar längst entdeckt, aber noch nicht so weit erforscht, wie sie könnte. Ärzte träumen davon, Krankheiten wie Krebs mit einer Spritze voller Nanopartikel zu heilen. Das ist aber noch Zukunftsmusik, denn die Forschung steht immer wieder vor Hindernissen. Ein Aktionspapier greift bestehende Probleme auf und macht Lösungsvorschläge.

Foto: Mann mit kurzen graumelierten Haaren, Bart und Brille - Dr. Klaus-Michael Weltring; Copyright: Angelika Klauser

Dr. Klaus-Michael Weltring; ©Angelika Klauser

Im Interview mit COMPAMED.de spricht Dr. Klaus-Michael Weltring über die regulatorischen und finanziellen Hindernisse für die Entwicklung der Nanotechnologie und warum sich die Nanomedizin für das Gesundheitssystem überhaupt lohnt.

Herr Dr. Weltring, die Deutsche Plattform NanoBioMedizin hat kürzlich ein Aktionspapier zum Thema Nanotechnologie in der Medizin vorgelegt. Was ist das Ziel des Papiers?

Dr. Klaus-Michael Weltring: Wir bauen auf dem vorhergehenden Positionspapier zu diesem Thema auf. In beiden Papieren geht es darum, wie die Forschung und Entwicklung im Bereich Nanomedizin gefördert werden müssen. Im Aktionspapier zeigen wir aber zusätzlich noch auf, welcher klinische Bedarf zum Beispiel in den Bereichen Diagnostik, Therapie oder regenerativer Medizinbesteht und wie die Forschung ihn bedienen kann. Außerdem haben wir versucht, ein ganzheitliches Bild zu schaffen, indem wir auch darstellen, wie die Translation von der Forschung in die Anwendung aussieht und in welchem Umfeld sie sich bewegt. Dabei beantworten wir Fragen wie: "Was sind Bedingungen für Studien und für die Finanzierung?" oder "Wie kann die Nanotechnologie erfolgreich für die Medizin genutzt werden?"

Welche Hindernisse sehen Sie für die Entwicklung der Nanomedizin?

Weltring: Ganz generell ist da natürlich die Zulassung. Nanotechnologie ist noch lange nicht so gut erforscht wie andere Technologien. Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, wie Nanomaterialien toxikologisch funktionieren. Bestehende Tests und Testsysteme sind häufig ungeeignet für nanotechnische Fragestellungen und müssen adaptiert werden.

Spezieller sind die Verflechtungen von Medizinprodukt und Medizingerät. Betrachtet man zum Beispiel ein Nanopartikel, das einerseits ein Marker in der Bildgebung ist und andererseits auch einen Wirkstoff zielgerichtet transportiert, sind das zwei verschiedene Anwendungen: Medizintechnik auf der einen und Pharmakologie auf der anderen Seite. Bei diesen sogenannten "Borderline-Produkten" gibt es noch keine Klarheit, wie sie regulatorisch zu behandeln sind.

Was schlagen Sie an spezifischen Schritten vor, damit Forschungsergebnisse schneller in die Praxis gelangen?

Weltring: Wir schlagen zum Beispiel vor, einen Service für die Charakterisierung solcher Materialien aufzubauen. Das ist das Ziel des EU-Projekts "Europäisches Nano-Charakterisierungslabor", an dem wir uns auch beteiligen. Forscher und KMUs sollen dort überprüfen lassen können, ob ihre Materialien sicher genug für die klinische Phase sind.

Grafik: Winzige Roboter mit Greifarmen schwimmen zwischen roten Blutkörperchen

Die Nanomedizin kann viel für das Gesundheitswesen leisten. Ob sie uns eines Tages winzige Roboter zur Verfügung stellt, die im Körper Krankheiten bekämpfen, sei dahingestellt; ©panthermedia.net/ Kiyoshi Takahase Segundo

Eine andere Forderung geht dahin, die Finanzierungslücken nach den "Proof of concept"-Phasen zu schließen. Am Ende dieser Phasen wurde zwar die Sicherheit im Labor oder in der Klinik nachgewiesen oder es gibt einen Prototyp, aber die Förderung aus öffentlichen Quellen, die meist auf drei bis fünf Jahre angelegt ist, ist beendet. Aus Sicht der Industrie ist es dann aber für eine Investition noch zu früh und die Forscher können nicht weiterarbeiten. Wir schlagen eine durchgehende Förderung aus verschiedenen Quellen vor, um einen allmählichen Übergang von öffentlicher zur öffentlich-industriellen bis hin zur vollständig industriellen Finanzierung zu schaffen.

Wie stehen die deutsche nanomedizinische Forschung und ihre Rahmenbedingungen denn im internationalen Vergleich dar?

Weltring: Im europäischen Rahmen gibt es im Wesentlichen die gleichen Probleme hinsichtlich Regulierung, Finanzierung und der bisher noch mangelnden Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung. Vor allem die Position der KMUs wird problematischer werden. Durch die neue Regulation für Medizintechnik (Medical Device Regulation, MDR) werden die Anforderungen an Zulassungsverfahren so anspruchsvoll werden, dass viele KMUs diesen Aufwand nicht mehr bewältigen können. Im Verhältnis zu den USA kehren sich diese Verhältnisse gerade um: Während in der EU die Hürden für die Zulassung von Medizintechnik und In-vitro-Diagnostik höher gelegt wurde, senkt die FDA derzeit ihre Anforderungen.

Diese Themen spielen auf europäischer und auf deutscher Ebene natürlich immer eine Rolle, gerade für den medizintechnischen Mittelstand. Das haben wir jetzt aus der Sicht der Nanomedizin heraus artikuliert.

Inwiefern können denn Nanomedizin beziehungsweise Nanotechnologie dem Gesundheitssystem überhaupt helfen? Lohnt sich dieser Aufwand?

Weltring: Natürlich. Letztendlich entstehen alle Krankheiten auf der Nanoskala, weil dort Proteine und Gene aktiviert und deaktiviert werden. Über die Nanotechnologie verstehen wir Krankheiten viel besser. Sie ist eine der Schlüsseltechnologien für die Medizin, die viele neue Trends befeuern wird: personalisierte Medizin, Genomanalytik durch Next Generation Sequencing, Wirkstofftransport, funktionale Bildgebung, regenerative Medizin bis hin zur funktionalisierten Beschichtung von Implantaten.

Gleichzeitig muss ich das relativieren: Die Nanotechnologieist natürlich nicht die alleinige Antwort. Sie muss in vielen Fällen mit weiteren Schlüsseltechnologien zusammenspielen, damit wir komplexe medizinische Lösungen realisieren können. Und manchmal ist sie dabei eben auch nur ein kleines Rädchen.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
COMPAMED.de