Minisensor soll bei epileptischen Anfällen warnen

Epileptische Anfälle können ganz unterschiedlich ablaufen: Manche Betroffene schmatzen, andere nesteln unmotiviert an ihrer Kleidung herum, wieder andere sind für kurze Zeit komplett weggetreten und einige erleiden tatsächlich die für typisch gehaltenen Muskelzuckungen.

06.04.2016

 
Foto: Ärztin und kleines Mädchen schauen auf Smartphone

Das Minisensorsystem im zukünftigen Einsatz: Der Messfühler wird im Ohr befestigt und ein Smartphone übermittelt die Daten an einen Rechner, der die Signale auf epileptische Anfälle hin auswertet.; © Rainer Surges

"Es ist nicht leicht, alle Symptome richtig einzuordnen", sagt Prof. Christian E. Elger, Direktor der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn. Teilweise finden die Anfälle auch während des Schlafs statt, dann bekommen die Betroffenen häufig gar nichts davon mit. "Wir schätzen, dass die Patienten maximal die Hälfte ihrer Anfälle bewusst wahrnimmt", ergänzt Privatdozent Dr. Rainer Surges, Leitender Oberarzt an der Uniklinik für Epileptologie und Koordinator des Verbundprojektes.

Diese subjektive Fehleinschätzung der Anfallshäufigkeit und -stärke erschweren sowohl die Diagnose als auch die Therapie von Epilepsien. Die "Gewitterstürme im Gehirn" lassen sich meistens eindeutig mittels Elektroenzephalografie aufzeichnen, doch dafür ist ein Klinikaufenthalt erforderlich. "Mobile Messgeräte würden sich in die alltäglichen Abläufe der Patienten viel besser integrieren lassen", sagt Surges. Genau so ein mobiles Miniatursensorsystem entwickelt derzeit ein Konsortium unter Federführung der Bonner Uniklinik für Epileptologie. Das Vorhaben "EPItect" wird vom Bundesforschungsministerium (BMBF) in den nächsten drei Jahren mit rund zwei Millionen Euro gefördert, davon fließen 635.000 Euro an die Bonner Klinik.

Die Firma Cosinuss GmbH aus München hat bereits einen Prototypen eines Epilepsiesensors entwickelt, der wie ein Hörgerät im Ohr befestigt wird. Das Messgerät soll noch weiter miniaturisiert und für diesen Zweck optimiert werden. "Wir haben in einer von der Marga und Walter Boll-Stiftung geförderten Vorstudie festgestellt, dass sich epileptische Anfälle recht gut über einen beschleunigten Puls und bestimmte Bewegungsmuster feststellen lassen", berichtet Surges. Diese Symptome kann der kleine Knopf im Ohr messen. Er soll die Signale über ein angeschlossenes Smartphone an einen Zentralcomputer weitergeben, der die eingehenden Daten kontinuierlich auf Auffälligkeiten prüft und notfalls Patienten, Angehörige und behandelnde Ärzte warnt. Denn im schlimmsten Fall können epileptische Anfälle tödlich ausgehen, wie beispielweise durch schwere Unfälle mit tödlich verlaufenden Verletzungen oder durch einen Herzkreislaufstillstand beim sogenannten plötzlichen unerwarteten Tod bei Epilepsie.

Im Mittelpunkt des Projekts steht, eine solche automatische Daten- und Alarmkette zu entwickeln und sie gemeinsam mit Epilepsiepatienten, Angehörigen und Pflegenden zu testen und zu optimieren. EPItect soll in vielfacher Hinsicht das Leben der Betroffenen und ihres Umfeldes erleichtern: "Epilepsiepatienten fürchten sich häufig vor unvorhersehbaren Anfällen in der Öffentlichkeit", berichtet Surges. Absehbar gewinnen sie wieder mehr Autonomie, wenn sie das aktuelle Anfallsrisiko besser einschätzen können. Angehörige müssen sich nicht ängstigen, dass die Patienten unversorgt bleiben, wenn es zu einer neuen Attacke kommt, weil automatisch ein Arzt herbeigerufen werden kann. Und die Wissenschaft verfügt mit den Signalen des In-Ohr-Sensors über viel verlässlichere Daten. "Mit EPItect können wir absehbar bessere Diagnosen stellen, weil die Anfallshäufigkeit und -schwere besser erfasst wird", sagt Elger. Das Gleiche gilt für die Entwicklung neuer Therapien: In klinischen Studien soll sich mit Hilfe des mobilen Mini-Sensors nachvollziehbarer darstellen lassen, zum Beispiel welches Medikament die Anfälle am wirksamsten reduziert.

In das EPItect-Projekt werden neben erwachsenen auch jüngere Patienten einbezogen. "Da auch viele Kinder und Jugendliche unter Epilepsien leiden, erhoffen wir uns für diese Zielgruppe wichtige Fortschritte durch das Sensorsystem", sagt Prof. Ulrich Stephani, Direktor der Klinik für Neuropädiatrie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel. Das Konsortium plant, dass die neue Technologie in wenigen Jahren für Patienten und klinische Studien verfügbar ist. Im ersten Schritt soll an ausgewählten Patienten eine Studie durchgeführt werden. Später soll EPItect einer breiteren Patientengruppe zugänglich gemacht werden. "Wir stehen in der Epileptologie erst am Beginn eines Durchbruchs der mobilen Gesundheitstechnologien und der Telemedizin", sagt Surges.

COMPAMED.de; Quelle: Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

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