Medizintechnologie.de vernetzt Akteure der Branche miteinander

Interview mit Dr. Oliver Bujok, Leiter der Geschäftsstelle Nationaler Strategieprozess "Innovationen in der Medizintechnik"

03.08.2015

Foto: Oliver Bujok

Dr. Oliver Bujok; © VDI Technologiezentrum GmbH

Vernetzung ist der erste Schritt. Daraus folgen Kooperationen. Mit diesem Ziel vor Augen betreibt das VDI Technologiezentrum GmbH die Nationale Informationsplattform Medizintechnik Medizintechnologie.de im Auftrag der Bundesregierung. Das Projekt entstand im Anschluss des Nationalen Strategieprozesses "Innovationen in der Medizintechnik".

COMPAMED.de sprach mit dem Leiter des Projektes Dr. Oliver Bujok über den Wandel in der Branche und darüber, wie wichtig der Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren ist.

Herr Dr. Bujok, was ist das Ziel der Nationalen Informationsplattform Medizintechnik Medizintechnologie.de?

Oliver Bujok
: Wir wollen vor allem innovative kleine und mittlere Unternehmen im Umfeld der Medizintechnik – und das betrifft auch Zulieferer – über die Entwicklung der Rahmenbedingungen auf dem Laufenden halten. Das vorrangige Ziel ist eine Art "One-stop-shop" für Informationen der öffentlichen Hand rund um die Medizintechnik. Außerdem wollen wir die Branche stärker vernetzen. Die Medizintechnik ist ausgesprochen fragmentiert. Das ist ein Risiko, das aber auch vielfältige Chancen für neuartige Kooperationen bietet. Dieses Potenzial will genutzt werden. Der Nationale Strategieprozess "Innovationen in de Medizintechnik" hat gezeigt, dass eine stärkere Vernetzung ein entscheidender Erfolgsfaktor für den Medizintechnik-Standort Deutschland sein wird.

Warum ist die Vernetzung von Wissenschaft, Industrie und Politik so wichtig?

Bujok
: In der Medizintechnik haben wir bislang eine Branche geprägt von hohen Fertigungstiefen, kurzen Wertschöpfungsketten und einem sehr starken Technologiefokus. Derzeit erleben wir jedoch einen Wandel: Innovationen sind immer weniger technologie- und immer stärker versorgungsgetrieben. Anders ausgedrückt: Die Nachfrageseite in der Gesundheitsversorgung bestimmt zunehmend den Innovationsmarkt. Zudem bemisst sich der Wert eines Medizinprodukts zunehmend am medizinischen Nutzen der zugehörigen Behandlung. Dieses versorgungsorientierte Innovieren bietet neue Chancen der Vernetzung und Kooperation nicht nur innerhalb der Branche, sondern auch mit Leistungserbringern, Dienstleistern bis hin zu Kostenträgern. Ein wichtiger Treiber hierfür wird künftig auch der Trend zur digitalen Gesundheitsversorgung. Viele Quereinsteiger aus dem IT-Sektor sind nicht mit den Details des Innovationssystems Medizintechnik vertraut. Auch hier wollen wir mithilfe des Portals Informationslücken schließen und branchenübergreifenden Kooperationen den Weg bereiten.
Foto: Menschen beim Meeting

Eine Vernetzung der verschiedenen Akteure aus der Medizintechnikbranche ist die Grundlage für erfolgreiche Kooperationen; ©panthermedia.net/Arne Trautmann

Wer nutzt die Plattform, und wie effektiv ist die Kommunikation zwischen ihren Nutzern?

Bujok
: Die Nutzer kommen aus der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Gesundheitsversorgung. Der Zuspruch steigt monatlich, wenngleich wir noch gar nicht den Vollausbau der Plattform erreicht haben. In den nächsten Ausbaustufen werden wir diverse interaktive Elemente einfügen, um die Kommunikation auf dem Portal zwischen den Nutzern, aber auch mit den Machern zu intensivieren. Parallel suchen wir den direkten Austausch mit den Nutzern, zum Beispiel auf Veranstaltungen und Messen wie dem Stand der Bundesregierung auf der MEDICA. Wir wollen hier im Rahmen unserer Möglichkeiten eine gute Balance zwischen Online-Kommunikation und persönlichem Kontakt schaffen.

Auf der Seite gibt es den sogenannten InnovationsLOTSEN. Worum handelt es sich dabei?

Bujok
: Mit dem InnovationsLOTSEN möchten wir einen detaillierten Überblick über den Innovationsprozess in der Medizintechnik geben. Das Ziel ist eine Art Leitfaden für Innovatoren, der relevante Fragen im Innovationsprozess mit dem notwendigen Vorlauf aufwirft. Gemeinsam mit Partnern und Experten möchten wir den Nutzern einen Überblick verschaffen, was alles dafür nötig ist, damit aus einer Idee ein fertiges Produkt wird. Wir sind zugleich Projektträger Gesundheitswirtschaft für das Bundesforschungsministerium und betreuen eine Vielzahl von Forschungsprojekten. Hierbei stellen wir immer wieder fest, dass gerade in kleinen und mittleren Unternehmen zwar das nötige Wissen in Forschung und Entwicklung vorhanden ist. Die Prozesse und Ausfallrisiken in Zertifizierung, Erstattung und Markterschließung sind jedoch kaum bekannt.

Welche Ziele werden langfristig mit dem Projekt verfolgt?

Bujok
: Im Vordergrund steht zurzeit vor allem, dass die öffentliche Hand einen Beitrag dazu leisten möchte, Innovationen in der Medizintechnik auch langfristig am Standort Deutschland zu ermöglichen. Heutzutage, da die regulatorischen Rahmenbedingungen und Märkte komplexer werden, muss man gut informiert sein. Zudem werden immer weniger Einzelprodukte und stattdessen zunehmend Systemlösungen nachgefragt – das macht das Ganze nicht leichter.

Hier tun sich viele Fragen für den Standort Medizintechnik auf. Die Plattform kann hier rechtzeitig ein Schlaglicht auf relevante Trends und Treiber setzen. Wir sollten konstruktiv den Wandel des Gesundheitssystems mitgestalten. Ich denke, da schaut die Innovationspolitik in dieselbe Richtung wie die gesamte Branche.

Das langfristige Ziel der Plattform muss es sein, einen Beitrag zu leisten, Informationsdefizite in der Branche abzubauen und so die Innovationskraft dieser mittelständischen Industrie zu erhalten. Die Branche und ihr Umfeld wandeln sich sehr dynamisch und nachhaltig. Da braucht es ein Online-Portal, das alle Beteiligten auf dem Laufenden hält und unterstützt.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
COMPAMED.de