Magnetstäbe im Rücken

Foto: Röntgenbild nach der OP

Wenn bei Kindern Wirbelsäulenverkrümmungen, sogenannte Skoliosen, begradigt werden müssen, können sie anders als bei jugendlichen oder erwachsenen Patienten nur mit großen Nachteilen an der Wirbelsäule versteift werden. Bei Kindern kann eine Versteifung der Brustwirbelsäule zum Wachstumsstopp des Brustkorbes und der Lungen führen. Im schlimmsten Fall sterben diese Kinder dann frühzeitig an Lungenversagen.

Erstmalig weltweit hat das Team der Kinderorthopädie der Universitätsmedizin Göttingen jetzt ein minimalinvasives Operations-Verfahren angewendet, mit dem Wirbelsäulenverkrümmungen bei Kindern noch besser behandelt werden können. Für die Begradigung der Wirbelsäule haben sie parallel zur Wirbelsäule zwei Magnetstäbe eingesetzt. Sie lassen sich durch ein externes Gerät im Verlauf des Wachstums ausfahren und sich so der Länge der Wirbelsäule nach flexibel anpassen. Dazu wurden die Stäbe an den Rippen und am Becken des Kindes fixiert. Diese neue OP-Variante hat den Vorteil: Die Wirbelsäule bleibt unberührt und wird in ihrem Wachstum nicht beeinträchtigt. Die neue Behandlungsmethode ist für Kinder zwischen dem zweiten und dem zwölften Lebensjahr geeignet, die an einer flexiblen Wirbelsäulenverkrümmung leiden.

"Mit dem neuen Magnetverfahren ist uns in der Kinderwirbelsäulenchirurgie ein wichtiger Fortschritt gelungen. Unser junger Patient hat bereits nach wenigen Tagen schon wieder eine stabile Sitzposition. Durch die eingesetzten Magnetstäbe können wir die Wirbelsäule um bis zu 4,8 Zentimeter verlängern. So können wir Gunnar und zukünftigen Patienten ungefähr vier bis fünf Verlängerungsoperationen ersparen. Damit sinkt auch das Risiko von Infektionen", sagt Professorin Hell.

In einer zweistündigen Operation haben die Kinderorthopäden der Universitätsmedizin Göttingen dem 11-jährigen Gunnar über zwei kleine Schnitte im Rücken zwei Magnetstäbe rechts und links der Wirbelsäule eingesetzt und an den Rippen und am Becken befestigt. So wird die Wirbelsäule begradigt, ohne sie direkt zu berühren. Mit diesem neuen OP-Verfahren haben die Experten Gunnars Wirbelsäulenverkrümmung von 50 Grad auf ungefähr acht Grad reduziert. Von einer Skoliose spricht man ab einem Wert von zehn Grad.

Die Magnetstäbe lassen sich nun über ein Gerät, das einen starken Magneten enthält, jederzeit dem Wachstum der Wirbelsäule anpassen. Dafür wird das Gerät von außen auf dem Rücken positioniert. Auf Knopfdruck zieht es die Stäbe genau auf die notwendige Länge der Wirbelsäule auseinander.

Das neue Verfahren hat viele Vorteile für die kleinen Patienten: Durch die Fixierung der Stäbe an Becken und Rippen wird das natürliche Wachstum der Wirbelsäule nicht beeinflusst. Zur Verlängerung der Stäbe ist keine Narkose nötig. Das Verfahren ist schmerzfrei und erspart den Patienten so mehrere Operationen. Bei älteren Verfahren mit so genannten Teleskopstangen mussten die Stangen alle sechs Monate in einer Operation verlängert werden.

Die Magnetstäbe wurden zwar schon bei anderen Kindern eingesetzt. Bei diesen Verfahren wurden die Stäbe jedoch direkt an der Wirbelsäule fixiert. Dies ist mit einer Verletzung der Knochenhaut der Wirbelsäule verbunden. Das kann im schlimmsten Fall zu einer Spontanversteifung der Wirbelsäule führen und bedeutet dann einen unerwünschten Wachstumsstopp an der Wirbelsäule mit weitreichenden Folgen für den Patienten. Die neue Operationsmethode von Professorin Anna Hell und ihrem Team soll diesem Problem vorbeugen. Die Wirbelsäule wird bei dem Verfahren nicht berührt und kann deshalb normal wachsen.

Im Universitätsklinikum Göttingen wird Gunnar nun regelmäßig die Länge der Stäbe auf die Länge seiner Wirbelsäule angepasst. Diese Prozedur muss so lange wiederholt werden, bis Gunnar ausgewachsen ist.

COMPAMED.de; Quelle: Uni Göttingen