MRT: Kleinste Nervenschäden erstmals sichtbar gemacht

19.03.2014

Heidelberger Wissenschaftler untersuchen mithilfe der Magnetresonanz-Tomografie die Entstehung krankhafter Veränderungen in Nervenfasern.

Eine Zuckerkrankheit hinterlässt viele Schäden – auch an den Nerven. Die Patienten spüren Kribbeln oder Schmerzen in den Fingern oder Zehen und haben Probleme, sie zu bewegen. Wie kommt es dazu? Neuroradiologen des Universitätsklinikums Heidelberg um Privatdozent Dr. Mirko Pham ist es mithilfe hochauflösender Magnetresonanz-Tomografie (MRT) erstmals gelungen, Schäden an kleinsten Nervenfaserbündeln sichtbar zu machen. Nun wollen die Wissenschaftler weiter untersuchen, was sich bei Diabetes und bei anderen Nervenerkrankungen in den Nervenfasern verändert.

Polyneuropathien sind sehr häufig: Rund die Hälfte aller Diabetes-Patienten, ca. 100.000 in Deutschland pro Jahr, leiden früher oder später unter Missempfindungen an Fingern, Zehen und Fußsohlen. Die Nervenschäden können u.a. auch als Nebenwirkung einer Chemotherapie, Folge von Alkoholmissbrauch, aufgrund genetischer Veranlagung oder aus ungeklärter Ursache auftreten. Die genaue Diagnose ist schwierig: Auch wenn dem Patienten die Füße brennen, kann der eigentliche Schaden irgendwo entlang der langen Beinnerven liegen. Mit bisher eingesetzten Diagnosemethoden – z.B. wird die Geschwindigkeit der elektrischen Signalweitergabe innerhalb des Nervs erfasst – lassen sich bei vielen dieser Erkrankungen weder die genaue Stelle, an der die Nervenschädigung ihren Ausgang nimmt, noch Ursache oder Entstehungsmechanismus ermitteln.

Die erste Hürde dieses Problems hat die Heidelberger Arbeitsgruppe „Magnetresonanz-Neurographie“ bereits erfolgreich genommen: Sie zeigte, dass mit hochauflösender Magnetresonanztomografie Nervenschäden auf der Ebene der feinen Nervenfaserbündel, aus denen sich ein Nerv zusammensetzt und die unter einem Millimeter dünn sind, aufgespürt und im Bild sehr genau dargestellt werden können. „Die MR-Neurografie eröffnet uns erstmals die Möglichkeit, Nervenschäden bereits beim Einsetzen der ersten Symptome zu diagnostizieren und den Ort der Schädigung zu identifizieren“, erklärt Pham. „Wir hoffen, dass die Schäden in diesem frühen Stadium noch behandelbar sind.“ Bisher können häufig nur schmerzhafte Symptome der Nervenerkrankungen behandelt werden.

Eine derart genaue Abbildung geschädigter Nervenfaserbündel kann direkte Auswirkungen auf die Therapie haben, wie die Arbeitsgruppe um Pham in einer Studie zeigte: Dazu untersuchten sie 20 Patienten mit einer seltenen Nervenerkrankung im Arm (Kiloh-Nevin-Syndrom). Bei den Betroffenen ist u.a. die Feinmotorik von Daumen und Zeigefinger gestört. Als eine mögliche Ursache wurde bisher ein eingeklemmter Nerv am Unterarm vermutet und die Erkrankung daher operativ behandelt. Der Nerv im Unterarm wurde freigelegt und die mutmaßliche Engstelle geweitet. Die Heidelberger Studie zeigte: Das Problem liegt im Oberarm, wo kleinste Nervenfasern geschädigt sind. „Eine Operation am Unterarm hilft dann selbstverständlich nicht“, so Pham. „Außerdem ergab die MR-Neurografie, dass der Nerv nicht eingeklemmt ist, sondern wahrscheinlich eine Entzündung die Störungen verursacht.“

In dem geförderten Projekt untersucht die Arbeitsgruppe nun mithilfe der Magnetresonanztomografie die Entstehungsmechanismen von Nervenschäden: Sind Durchblutungsstörungen des Nervs Ursache oder Folge? Welche Rolle spielen Entzündungen? Zudem wollen die Wissenschaftler Stoffwechselveränderungen im Nerv in möglichst frühen Stadien der Erkrankung oder bei Risikogruppen wie Diabetes-Patienten noch vor den ersten Symptomen erfassen. „Erst wenn wir die Anfänge der Polyneuropathien besser verstehen, lassen sich gezielt neue Therapieansätze, Methoden der Früherkennung oder vorbeugende Maßnahmen entwickeln“, sagt der Neuroradiologe. Der Fokus soll dabei zunächst auf den häufigen Nervenschäden bei Diabetes liegen.

COMPAMED.de; Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg