Der integrierte Big Brother


Sie enthalten nicht das, was drauf steht. Vor allem in Entwicklungsländern werden gefälschte Medikamente von skrupellosen Geschäftemachern verkauft: Malariatabletten, Antibiotika, Impfstoffe - aus Kartoffelmehl, dreckigem Wasser oder mit giftigen Lösungsmitteln versetzt. Aber auch in Industrieländern wächst der Handel mit umetikettierten Arzneischachteln. Radio Frequency Identification (RFID) könnte helfen, Medizin besser gegen Fälschungen zu schützen.

RFID oder Smart Label speichern Daten auf einem Chip, der über eine kleine Antenne mit einem Lesegerät kommuniziert. Das funktioniert per Funk, so dass die Daten des RFID-Chips berührungslos auf Knopfdruck ausgelesen werden können.

„RFID-Label haben den Vorteil, dass ihre Daten veränderbar sind“, so Georg Menges, Leiter des Forschungsprojektes Smart Pack, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird und zum Ziel hat, intelligente Verpackungen zu entwickeln. Mit Barcodes, die jeder von Produkten aus dem Supermarkt kennt, geht das nämlich nicht – so ist mit ihnen auch kein eindeutiger Herkunftsnachweis möglich. Im Gegensatz dazu „kann auf RFID-Chips jede einzelne Transportstation vermerkt werden“, erklärt Menges. Auf diese Weise ist die komplette logistische Kette, die eine Tablettenschachtel durchläuft, dokumentierbar: Man weiß genau, wo und wann sie auf ihrem Weg Station gemacht hat. Das erschwert den Arzneimittelbetrug.

Trotz dieser Vorzüge werden Medikamente bisher nicht mit RFID-Labeln ausgestattet. Der Grund: hohe Herstellungs- und Montagekosten. Menges und Kollegen schafften es jedoch im Rahmen des Smart Pack-Projektes, eine kostengünstige und intelligente Verpackung für Medikamente zu entwickeln, indem sie passive RFID-Label integrierten. Die brauchen keine Batterien wie aktive Label, weil sie ihre Energie aus den elektromagnetischen Wellen des Lesegerätes beziehen.

Die Forscher nahmen Blister, Tablettenverpackungen aus Kunststoff, und schweißten Smart Labels ein. Der Clou: Die rückwärtige Aluminiumfolie der Blister ist nicht nur Verpackung, sondern gleichzeitig Antenne für das RFID-System - das senkt die Herstellungskosten. Im Versuch konnten die Daten mehrerer aufeinander gestapelter Muster-Verpackungen bis zu einem Abstand von 2,50 Metern ausgelesen werden.

„Wir haben außerdem Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren entwickelt, die ohne Batterie funktionieren und die wir gemeinsam mit den Funketiketten in die Verpackung integrierten“, beschreibt Menges. Mit ihrer Hilfe könne schnell und problemlos die Qualität und der Zustand der Produkte geprüft werden. Die Sensoren melden, wenn die Kühlkette unterbrochen wird oder die Verpackung ein Loch hat, durch das Feuchtigkeit eindringt. Laut Menges funktionieren die Sensoren einfach aber effektiv. „Sie ermitteln nämlich nicht kontinuierlich die exakte Temperatur oder Feuchtigkeit, aber sie registrieren, wenn ein vorher festgelegter Schwellenwert überschritten wird.“

Wissenschaftler der Universität Amsterdam demonstrierten allerdings, dass der Einsatz von RFID-Technologie auch Gefahren birgt. Sie beobachteten, dass das Auslesen von RFID-Etiketten auf einer Intensivstation die Funktion von lebenswichtigen medizinischen Geräten störte. Die Tests fanden aber unter extremen Bedingungen statt, die in der Praxis nicht existieren. Dennoch: Im Einzelfall muss der Einsatz von RFID genau überprüft werden, um Störungen oder den Ausfall von Geräten zu vermeiden.

Sonja Endres
COMPAMED.de