Medizinprodukte: Benutzerzentriertes Design für mehr Sicherheit

01.02.2013
Foto: Alexander Steffen

Alexander Steffen; © User
Interface Design GmbH

Von Medizinprodukten hängt die Gesundheit eines Menschen ab, deshalb muss ihre Bedienung möglichst eingängig und risikofrei sein. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Patienten oder Angehörige ein Gerät zuhause bedienen. Im benutzerzentrierten Gestaltungsprozess, der das Herzstück des Usability Engineering bildet, werden Nutzer eng in die Entwicklung eines Produktes mit einbezogen.

COMPAMED.de sprach mit Herrn Alexander Steffen von der User Interface Design GmbH. Als Director Medical & Pharma betreut er Projekte rund um die Gestaltung von Bedienoberflächen für Medizinprodukte.


COMPAMED.de: Herr Steffen, was ist Usability Engineering?

Alexander Steffen: Usability Engineering ist ein benutzerzentrierter Gestaltungsprozess, der die Gebrauchstauglichkeit eines Produktes zum Ziel hat. Wenn wir ein Produkt gestalten, also eine Innovation mit einem Userinterface und einem Bedienkonzept versehen, definieren wir zuerst die Anforderungen an die Bedienung: Welche Nutzergruppen gibt es und welche Hauptbedienfunktionen führen sie aus? Welche Ausbildung und welche Motivation haben sie? Wie lange haben sie täglich mit dem Gerät zu tun?

Nach dieser Analysephase überlegen wir uns in der Gestaltungsphase die Interaktionskonzepte, also Arbeitsabläufe, an dem Gerät. Wir legen anhand der Benutzungsanforderungen fest, wo beispielsweise Bedienelemente liegen sollen. Das setzen wir in der dritten Phase um, dem Bau des Prototyps. Die vierte Phase ist der Usability-Test. Der Prozess des Usability-Engineerings ist festgelegt in der ISO 9241210, aber es gibt natürlich noch besondere regulatorische Vorgaben für die Gestaltung von Medizinprodukten.

COMPAMED.de: Was ist der Medical Safety Design Process, den Ihr Unternehmen entwickelt hat?

Steffen: Die Entwicklung von Medizinprodukten war und ist von Risikoverminderung, -beherrschung und -vermeidung getrieben. Früher haben Hersteller von Medizinprodukten das Produkt nur durch die Risikomanagement-Brille gesehen. Wenn man damit keinem Patienten schaden konnte, war das in Ordnung. Aber manchmal war das Ergebnis nicht gebrauchstauglich. Heute muss ein Medizinprodukt beides sein: risikovermeidend und gebrauchstauglich – oder anders gesagt „usable“. Der Medical Safety Design Process führt Risikomanagement- und Usability-Prozess zusammen.

COMPAMED.de: Wie können Benutzer konkret in den Designprozess eingebunden werden, sowohl medizinisches Personal als auch Patienten?

Steffen: Patienten und ihre Angehörigen sind inzwischen auch Benutzer. Da sie nicht trainiert sind, muss man sehr sichere Bedienkonzepte entwerfen, die den Anwendern auch ein Sicherheitsgefühl geben. Wir beziehen Benutzer an verschiedenen Punkten in den Prozess ein, indem wir beispielsweise Praxen, Krankenhäuser, Pflegeheime oder Patienten zuhause besuchen und uns dort ansehen, wie ein Gerät benutzt wird. Bei diesen Ortsbesuchen erstellen wir sogenannte Nutzungskontextanalysen.

In der Gestaltungsphase wiederum wenden wir eine Methode an, die Cognitive Walkthrough heißt. Wir legen einem Benutzer den ersten Entwurf eines Designs vor. Das muss kein funktionierender Prototyp sein, es reicht ein Ausdruck eines Bildschirms oder ein 3D-Modell, anhand dessen man den Benutzer schon fragen kann, mit welcher Reaktion er rechnet, wenn er auf einen bestimmten Knopf drückt. Mit dieser Usability-Methode kann man schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Gestaltungsphase viel über den Entwurf herausfinden, ohne erst fertig zu designen.

 
 
Foto: MeMo Tray

Das MeMo Tray soll Menschen mit frühen Demenzformen in ihrem Alltag unterstützen. Bildschirmmeldungen erinnern an Termine, die Ablage ist für wichtige Gegenstände wie Brieftasche oder Schlüssel gedacht; © User Interface Design GmbH

COMPAMED.de: Ihr Unternehmen hat in einem benutzerzentrierten Prozess das MeMo-Tray entwickelt, das Demenzkranke in ihrem Tagesablauf unterstützen soll.

Alexander Steffen: Das MeMo-Tray ist derzeit noch ein Prototyp, kein fertiges Produkt. Wir haben zur Entwicklung Menschen mit frühen Demenzformen in ihren Wohnungen besucht und uns angesehen, wie es dort aussieht. Dort fanden wir zum Beispiel Zettel als Erinnerungshilfen, die von Angehörigen irgendwo hingeklebt wurden, sowie einen zentralen Platz in der Wohnung, an dem wichtige Dinge wie Brieftasche oder Schlüssel ablegt werden. Das MeMo-Tray ist eine technische Hilfe, die idealerweise die Komponenten und Geräte des Hauses vernetzt und den Tagesablauf strukturiert, indem es Kalenderinformationen gibt und an Termine erinnert. Eine Wohnungstür wird sich beispielsweise nicht schließen, wenn der Schlüssel noch im MeMo-Tray liegt. Es ist ein System, das Menschen mit frühen Demenzformen in ihrer Alltagsautonomie unterstützt.

COMPAMED.de: Wie wurde die Entwicklung denn konkret durch die Benutzer beeinflusst?

Steffen: Wir haben mit einem Interessenverband und auch mit einer Angehörigen des Demenzverbandes gearbeitet, die uns sehr gute Kontakte vermittelt und viel über Nutzungsbedürfnisse erklärt hat. Bei den Hausbesuchen haben wir beispielsweise gemerkt, dass niemand ein sogenanntes altersgerechtes Telefon benutzen will. Deshalb haben wir uns für ein universelles Design entschieden, das für alle Benutzer gebrauchstauglich ist. Es unterstützt lediglich in bestimmten Nutzungskontexten Demenzkranke ganz besonders. Das ist weniger stigmatisierend und grenzt die Patienten nicht aus.

COMPAMED.de: Welchen Rat geben Sie Forschern und Herstellern, die ein Medizinprodukt benutzerzentriert gestalten wollen?

Steffen: Das Wichtigste ist, dass man sich am Anfang einer Produktentwicklung rechtzeitig mit der Usability beschäftigt. Man muss sehr früh die Hauptbedienfunktionen definieren und die Anwendungsspezifikationen kennen, also die Angaben über Nutzergruppen und Nutzungskontexte.

Das Interview führte Timo Roth.
COMPAMED.de