Auf dem Weg zum Molekül-Kino

Foto: Photoelektronen

Für diese Super-Zeitlupe müssen allerdings Ankunftszeit und zeitliches Profil der Röntgenblitze genau bekannt sein. Ein internationales Forscherteam hat jetzt ein Messverfahren entwickelt, um das zeitliche Profil einzelner Röntgenpulse von DESYs Freie-Elektronen-Laser FLASH mit Femtosekunden-Präzision zu messen. Diese Technik kann an jedem Freie-Elektronen Röntgenlaser der Welt eingesetzt werden.

Die extrem hellen und ultrakurzen Röntgenpulse aus Freie-Elektronen-Lasern (FEL) bieten einzigartige Forschungsmöglichkeiten. Billionen von Photonen sind in einem Blitz gebündelt – einem Puls von höchstens einigen Dutzend Femtosekunden Dauer. Allerdings können sich die genaue Ankunftszeit und sogar das zeitliche Profil der FEL-Pulse enorm von einem Puls zum nächsten verändern. Um den Röntgenlaser zum „Filmen“ ultraschneller dynamischer Prozesse zu nutzen, muss die Ankunftszeit jedes einzelnen Pulses gemessen werden. Nur so lassen sich die Einzelbilder, die mit jedem Blitz aufgenommen werden, korrekt zeitlich ordnen.

Mithilfe eines präzisen Timings sind Femtosekunden-FEL-Röntgenpulse so kurz, dass Atome in Bewegung, chemische Reaktionen und Phasenübergänge in Materialien mit atomarer Auflösung im Femtosekundenbereich beobachtet werden können. Die gleichzeitige Messung des Puls-Profils bietet darüber hinaus die Möglichkeit, selbst Veränderungen während der Belichtung einzelner Bilder zu verfolgen. Auf diesen Zeitskalen sind bereits die Bewegung der Elektronen und die Dynamik der Elektronenzustände von Bedeutung. Die Dynamik der Elektronen kann etwa Biomoleküle schädigen und unter Umständen zerstören, noch bevor ein kristallklares Bild aufgenommen werden konnte.

Für ihre Messungen haben die Wissenschaftler, die außer von DESY und CFEL auch von European XFEL, der Universität Hamburg und SLAC kommen, die in der Attosekundenphysik (eine Attosekunde ist eine tausendstel Femtosekunde) angewandte Methode des sogenannten Photoelektron-Streaking adaptiert. Damit lassen sich Profile zeitlich variierender Lichtsignale aufzeichnen. Dank der enormen Intensität der FEL-Blitze konnten die Forscher diese Messungen bei FLASH sogar von einzelnen Pulsen durchführen. Dafür wurden die Röntgenblitze auf dem Weg zu ihrem Ziel durch Neon-Gas geschossen. Jeder Puls erzeugt eine Salve von Photoelektronen, die aus dem Edelgas herausgeschlagen werden. Das zeitliche Profil dieser Photoelektronen entspricht demjenigen des Pulses.

Mit einem elektromagnetischen Terahertz-Feld werden die Photoelektronen beschleunigt oder abgebremst – je nachdem, zu welchem Zeitpunkt sie emittiert wurden. Das wird mithilfe eines Flugzeit-Spektrographen aufgezeichnet. Sofern die genaue Form des Terahertz-Pulses bekannt ist, liefert die Kombination dieser Informationen das zeitliche Profil und die Ankunftszeit der individuellen Röntgenpulse mit einer Präzision von rund fünf Femtosekunden.

COMPAMED.de; Quelle: Deutsches Elektronen-Synchrotron (DESY)