3D-Druck: "In anderen Ländern ist man bereits viele Schritte weiter"

Interview mit Dr. Ruth Houbertz, CEO und Managing Director, Multiphoton Optics GmbH

16.11.2016

3D-Druck ist auf der COMPAMED 2016 ein wichtiges Thema. Zwar verfolgen viele Universitäten und Unternehmen die Technik mit Interesse – doch es fehlt zum Teil noch an der Bereitschaft, entsprechende Geräte anzuschaffen. Wir sprachen unter anderem darüber mit Dr. Ruth Houbertz von der Multiphoton Optics GmbH, die im COMPAMED HIGH-TECH FORUM by IVAM einen Beitrag zum Thema "High Precision 3D Printing for Biomedical Applications" gehalten hat.

Bild: Ruth Houbertz während ihres Vortrags; Copyright: beta-web\Wart

Dr. Ruth Houbertz; © beta-web\Wart

Frau Dr. Houbertz, der 3D-Druck ist aus der Medizintechnik kaum mehr wegzudenken. Sie werden auf der COMPAMED 2016 die 3D-Lithografie vorstellen. Für welche biomedizinischen Anwendungen eignet sich das Verfahren?

Ruth Houbertz: Das Verfahren eignet sich für eine Vielzahl von Anwendungen, zum Beispiel bei der Herstellung von Gerüststrukturen für das Tissue Engineering aus nicht-degradierbaren und physiologisch degradierbaren Materialien. Diese müssen jedoch mittels Licht strukturierbar sein. Des Weiteren eignet es sich zur Herstellung von mikrofluidischen Zellen, Biochips oder mikrooptischen Systemen für neuartige Endoskope. Es ist in den verschiedensten Bereichen anwendbar. Sie hier alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen.

Im Bereich Tissue Engineering wird das Verfahren gerade stark nachgefragt. Wie kann ein 3D-Drucker helfen Zellen wachsen zu lassen?

Houbertz: Ein hochpräziser 3D-Drucker kann eine Struktur vorgeben, auf die dann Zellen angesiedelt werden. Das gezüchtete Gewebe ist in den Patienten implantierbar. Dies ist beispielsweise bei sehr großen Defekten durch Unfälle, Operationen oder Krebsbehandlungen im Gesicht, bei denen größere Teile des Körpers entfernt werden mussten, von Vorteil. Mittels eines Scanners kann zum Beispiel die Form des verbliebenen Gesichts eingescannt werden. Der Computer berechnet dann ein angepasstes 3D-Modell und der 3D-Drucker kann das Ganze fertigen. Verbunden mit den richtigen Materialien, Wachstumsfaktoren und Konditionierungen der Zellen lassen sich so implantierbare, patientenindividualisierte „Körperteile“ nachzüchten. Wir zeigen mit unserem hochpräzisen 3D-Druckverfahren Möglichkeiten auf, solche Strukturen zu liefern, aber auch Medizintechnik, Biologie und Photonik in anderen Gebieten zu verknüpfen, beispielsweise in der Detektion oder Triggerung von Prozessen in biologischen Systemen durch Licht. Da ist natürlich eine Menge Zukunftsmusik dabei, aber wenn man sich nicht bewegt, kommt man nicht weiter.

Sie sprechen es bereits an. Mit welchen weiteren Anwendungen rechnen Sie in der Zukunft?

Houbertz: Beispielsweise mit Anwendungen im Bereich von Drug Delivery Systemen. Diese ermöglichen, dass eine Medikation dort im Körper verbracht wird, wo sie den größten Nutzen entfalten. Auch die Detektion von Krankheiten mit neuartigen Biochips ist denkbar.

Für wen ist die Anschaffung eines solchen 3D-Druckers interessant?

Houbertz: Für alle Forschungseinrichtungen und Universitäten, die an vorderster Front im Bereich der Medizinforschung arbeiten wollen. Für sehr innovative Unternehmen, die sich auf den Weg machen auch das Unmögliche möglich machen zu wollen. Natürlich ist die Anschaffung eines 3D-Druckers für die hochpräzise Fertigung nicht sofort in einen Cashflow zu übersetzen. Aber wenn man die lange Zeitspanne bei der Zulassung von Medizinprodukten betrachtet, sollte man sich mit Zukunftstechnologien besser jetzt auseinandersetzen – besonders in Deutschland. Denn wenn man die vergleichsweise geringen Anschaffungs- und Betriebskosten und dagegen den möglichen Gewinn für die Unternehmen und die Gesellschaft betrachtet, lohnt es sich. In anderen Ländern passiert das auch schon, dort ist man bereits viele Schritte weiter.
Photo: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Simone Ernst.
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