„Zwischen Nanomaterialien können große Unterschiede bestehen"

Foto: Glaskolben mit Flüssigkeit, Atommodell

COMPAMED.de fragte Frau Ministerialrätin Doktor Anke Jesse, Leiterin des Referats „Nanotechnologie und synthetische Nanomaterialien" im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit welchen zentralen Fragestellungen das interdisziplinäre Forschungsprojekt zur Sicherheit von Nanomaterialien widmen wird.

COMPAMED.de: Frau Doktor Jesse, Nanotechnologie ist als Plattformtechnologie bereits in viele Lebensbereiche eingeflossen. Warum widmet man sich jetzt erst verstärkt dem Thema Sicherheit beziehungsweise Risiken von Nanomaterialien?

Anke Jesse: Die Risiken von Nanomaterialien werden schon seit 1991 erforscht. Seitdem steigt die Zahl der Fachpublikationen in diesem Bereich ständig an. Die öffentliche Hand initiiert seit vielen Jahren eine entsprechende Sicherheitsforschung. Dabei spielen neben zahlreichen nationalen Projekten die Forschungsrahmenprogramme der EU eine große Rolle. Für die Sicherheit von Nanomaterialien und Nanomaterialien in Produkten aber trägt die Industrie die Verantwortung. Sie ist deshalb auch für die begleitende Sicherheitsforschung zuständig.

COMPAMED.de: Was macht Nanopartikel beziehungsweise Nanomaterialien überhaupt risikoreich?

Jesse: Das kann man so pauschal gar nicht beantworten, denn es gibt eine Fülle an unterschiedlichen Nanomaterialien. Diese Materialien werden zudem noch in verschiedenen Größen, Formen und mit unterschiedlichen Oberflächenbehandlungen produziert. Nach heutigem Kenntnisstand zeichnet sich ab, dass zwischen diesen Nanomaterialien große Unterschiede bestehen können. Nicht für alle Nanomaterialien ist per se eine gefährliche Wirkung zu erwarten. Negative Auswirkungen für Mensch und Umwelt können vor allem bei höheren Belastungen auftreten.

 
 

Foto: Nanomaterial

 
 

COMPAMED.de: Welchen Fragestellungen in Bezug auf Nanotechnologie und Nanomaterialien wird sich das Langzeitforschungsprojekt widmen?

Jesse: In dem Forschungsprojekt werden Nanomaterialien untersucht, die beispielhaft für eine bedeutende, auf dem Markt befindliche Gruppe sind. Daneben hoffen wir, durch das Projekt Erkenntnisse zu bekommen, die auch für die Bewertung anderer Materialien nützlich sind. Wir planen, diese Ergebnisse der internationalen Diskussion zur Testung von Nanomaterialien zur Verfügung zu stellen. Das Projekt legt ein besonderes Augenmerk auf die Untersuchung von Wirkungen im Bereich niedriger Langzeitbelastungen, die für den Arbeitsplatz und die Umwelt eine große Bedeutung haben. Weiter wird untersucht, ob nach einer Langzeitbelastung mögliche Wirkungen in anderen Organen als der Lunge auftreten können. Dazu liegen bisher nur wenige Daten vor.

COMPAMED.de: Bisher gab es keine Langzeitstudien über die Auswirkungen von Nanomaterialien. Was versprechen sich das BMU und die weiteren Partner von diesem Langzeitforschungsprojekt?

Jesse: Es gibt zwar bereits einige wenige Langzeitstudien, bisher fehlen aber Antworten auf folgende Fragen: Sind mit einer Langzeitbelastung gegenüber Nanomaterialien im Bereich niedriger Belastungen Gesundheitsrisiken verbunden? Wenn ja, welche Risiken sind dies und wie hoch sind sie? Das sind die Kernfragen, denen sich das Projekt widmet. Sie sollen durch ein besonderes, speziell erweitertes Untersuchungsprogramm beantwortet werden.

COMPAMED.de: Könnten die Ergebnisse der Langzeitstudien des neuen Projekts zur Sicherheit von Nanomaterialien möglicherweise Auswirkungen auf die derzeitige Gesetzeslage haben, so dass bestehende Gesetze überarbeitet werden müssen, wenn man die erforschten, besonderen Eigenschaften von Nanomaterialien berücksichtigt?

Jesse: Die Ergebnisse der Langzeitstudien können einen Einfluss auf die Höhe der Grenzwerte für den Verbraucher und den Arbeitsplatz haben. Erkenntnisse aus dem Projekt, beispielsweise die Anpassung von bestehenden Testrichtlinien an Nanomaterialien, werden in die internationale Diskussion eingehen - etwa bei der OECD. Wie bestehende Gesetze, zum Beispiel REACH, das europäische Chemikalienrecht, angepasst werden müssen, wird zurzeit geprüft.


Das Interview führte Diana Posth.
COMPAMED.de