„Wir werden ein erstes Modell in etwa sechs bis neun Monaten konstruiert haben“

Foto: Ein Mann mit Brille - Martin Ptok

Ein kleines neues Gerät, das im Gehörgang getragen wird und auf neuste Technik setzt, soll zukünftig Abhilfe schaffen. COMPAMED.de sprach hierüber mit einem der Entwickler des ringförmigen Knochenleitungshörers für Schwerhörige, Professor Martin Ptok von der Medizinischen Hochschule Hannover.

COMPAMED.de: Herr Professor Ptok, Sie entwickeln derzeit ein neuartiges, ringförmiges Hörgerät für Schwerhörige, das man im Gehörgang tragen kann. Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Hörgeräten, wie man sie bislang kennt?

Martin Ptok: Wir entwickeln derzeit ein Gerät, das auf der Technik etablierter Hörgeräte fußt. Wir haben uns Folgendes überlegt: Normalerweise besteht ein Hörgerät, neben dem Mikrofon und dem Verstärker, aus einem Lautsprecher. Dieser bringt ein Luftschallsignal an das Trommelfell. Üblicherweise ist es so, dass konventionelle Hörgeräte sehr klein sein sollen – weshalb auch der Lautsprecher sehr klein ist, der im oder am Ohr sitzt. Nun wissen besonders Musikliebhaber, dass größere Lautsprecher in der Regel besser sind als kleine. Das gilt natürlich auch für die Lautsprecher im Ohr. Wenn wir sehr kleine Lautsprecher haben, erreichen wir längst nicht den Frequenzgang – einschließlich der Höhen – den wir uns eigentlich wünschen. Für ein gutes Sprachverständnis sind aber gerade die Höhen verantwortlich.

Aufgrund dieser Besonderheiten haben wir überlegt, über einen anderen Weg das Schallsignal an das Innenohr heranzutragen, nämlich über die sogenannte Knochenleitung. Hierfür entwickeln wir derzeit quasi einen vibrierenden Ring, der als Lautsprecher fungiert und der über die Knochenleitung Signale, und zwar mit einem wesentlich besseren Frequenzgang, an das Innenohr bringen kann. Davon würden insbesondere die Patienten profitieren, die im Hochtonbereich eine Hörschwäche haben. Das sind typischerweise Patienten, die zum Beispiel im Störschall schlechter hören, aber in einer ruhigen Umgebung durchaus noch viel verstehen können. Man spricht auch vom sogenannten Cocktailparty-Effekt.

COMPAMED.de: Es gibt bereits Kopfhörer, die hinter das Ohr gesetzt werden und den Schall über den Knochen übertragen. Ist das Prinzip ähnlich?

Ptok: Das Prinzip ist ähnlich, wobei es sich bei den Kopfhörern eher um Stäbe handelt, die man auf das Felsenbein setzen kann. Es handelt sich jedoch um vibrierende Teile, die natürlich aufgrund ihrer Größe nicht in den Gehörgang eingebracht werden können. Da bei unserer Entwicklung die Größe eine wichtige Rolle spielt, ist unser Ansatz ein anderer.

COMPAMED.de: Wie groß wird das von Ihnen entworfene Gerät sein?

Ptok: Das von uns entwickelte Hörgerät soll sich an den Gehörgang anschmiegen, wobei es in der Mitte ein Loch hat, durch welches die tiefen Frequenzen noch auf natürlichem Wege an das Trommelfell herankommen können. Daher auch die Ringstruktur. Wir sprechen hier von einer Größenordnung von etwa 5 bis 8 Millimeter im Durchmesser, da die Größe des Gehörgangs von Mensch zu Mensch etwas schwankt. Aus diesem Grund wird das Gerät auch für jeden Patienten individuell angefertigt werden müssen.

COMPAMED.de: Besteht die Gefahr, dass das Hörgerät aufgrund seiner geringen Größe im Gehörgang verrutscht?

Ptok: Theoretisch ist alles möglich, aber die normalen Schalen für ein Hörgerät rutschen schließlich auch nicht. Der von uns konstruierte Ring soll dicht im Gehörgang sitzen, wobei er natürlich nicht drücken darf. Aber er soll eben nicht geklebt oder festoperiert werden müssen. Ziel ist es, dass er durch die natürliche Haftung im Ohr verbleibt. Aber das ist unser geringstes Problem. Es gibt andere Herausforderungen bei der Konstruktion, die wir zum Teil schon gelöst haben, zum Teil noch lösen müssen. Denn obwohl es nur ein kleiner Ring ist, handelt es sich um ein echtes Hightech-Gerät.

 
 

Modell des Ringes


 
 

COMPAMED.de: Aus welchem Material soll der Ring gefertigt werden?

Ptok: Es handelt sich um ein relativ komplizierten Piezoaktor, der in einer Mehrschichtfertigung hergestellt wird. Dabei arbeiten wir mit einer Firma zusammen, die auf diesem Gebiet spezielle Erfahrung hat.

COMPAMED.de: Mit welcher Lebensdauer rechnen Sie bei diesem Hörgerät? Und könnte diese zum Beispiel auch durch Ohrenschmalz, der das Gerät angreift, verkürzt werden?

Ptok: Ohrenschmalz kann man relativ gut entfernen, als professioneller Ohrenarzt sowieso. Darüber hinaus kann der Ring wie ein normales Hörgerät herausgenommen und gereinigt werden. Es gibt immer einige Patienten, die regelmäßig zu einer professionellen Ohrreinigung kommen müssen, egal ob mit oder ohne Hörgerät. Die Lebensdauer wird sich, denke ich, im gleichen Rahmen bewegen wie bei den bisherigen Hörgeräten.

COMPAMED.de: Gab es bereits erste Versuche mit Testhörern?

Ptok: Ich persönlich habe bereits als Testhörer fungiert. Allerdings mit einem noch sehr vorläufigen Protottypen. Ich war überrascht, wie hoch der Frequenzgang tatsächlich ist. Das geht bis über 10 Kilohertz hinaus, während die üblichen Hörgeräte einen Frequenzgang haben, der in der Regel bei vielleicht bei 5 bis 6 Kilohertz endet. Es war also sehr beeindruckend.

COMPAMED.de: Wo stehen Sie derzeit in der Entwicklung? Was sind die nächsten Schritte, die Sie noch gehen müssen?

Ptok: Es sind noch viele Schritte. Ein nächster Schritt, der auch sehr spannend ist, wird die Antwort auf die Frage sein, wo die optimale Ankopplung im Gehörgang liegt. Der nächst weitere Schritt wirft Fragen eher technischer Natur auf: Wie bekommen wir eine komplexe, individuelle Form hin? Welche Bearbeitungsschritte brauchen wir? Ist eine manuelle Fertigung sinnvoll? Ist es ein Block, aus dem wir die Form ausfräsen können? Bei Piezoaktoren handelt es sich um ein sehr sprödes, hartes Material. Auch die Frage der Energieversorgung muss noch gelöst werden. Des Weiteren müssen wir natürlich auch noch eine audiologische Charakterisierung machen. Und man muss immer wieder selbstkritisch nachfragen: Welchen Nutzen wird der Patient von der Entwicklung haben? Können wir Patienten mit einer Hochtonschwerhörigkeit tatsächlich mit diesem fantastischen Frequenzgang erreichen?

COMPAMED.de: Sie sprachen den noch offenen Punkt der Energieversorgung an: Wie lange läuft das Hörgerät derzeit?

Ptok: Das ist unter anderem davon abhängig wie viel Verstärkung man braucht. Aber es ist nicht untypisch, dass das Gerät ungefähr einmal die Woche eine neue Batterie benötigt.

COMPAMED.de: Wann rechnen Sie mit ersten Testläufen durch Patienten?

Ptok: Derzeit sind wir in erster Linie daran interessiert diesen „Lautsprecher“, sozusagen den Hörgerätehörer, zu entwickeln. Ich denke wir werden ein erstes Modell in etwa sechs bis neun Monaten konstruiert haben. Das wird jedoch noch eine abgekoppelte Elektronik besitzen. Mit Elektronik, also das ein komplettes System zur Verfügung steht, bis dahin gehen sicherlich noch ein bis zwei Jahre ins Land.

Das Interview führte Simone Ernst.
COMPAMED.de