„Sie übernimmt die Aufgabe einer kleinen Herz-Lungen-Maschine“

Foto: Matthias Karck

Matthias Karck, Chefarzt der Herzchirurgie an der Uniklinik Heidelberg, testet seit Anfang des Jahres das Transportsystem. COMPAMED.de sprach mit ihm über den Aufbau des Systems, schlagende Herzen außerhalb des Körpers und die Kosten der neuen Transportbox.

COMPAMED.de: Herr Karck, worin liegt eigentlich die Schwierigkeit, Spenderorgane zu transportieren?

Matthias Karck: Funktionierende Organe müssen ständig mit sauerstoffreichem Blut versorgt werden. Bei Spenderorganen wird die Blutzufuhr aber unterbrochen. Wenn man nach der Organentnahme nicht schnell handelt, ist das Spenderorgan nach rund zehn Minuten geschädigt und stirbt ziemlich schnell ab.

COMPAMED.de: Wie kann man Schäden an Spenderorganen denn verhindern?

Karck: Bei der Standardmethode wird das Spenderorgan in einer kaliumhaltigen Flüssigkeit auf Eis gekühlt transportiert. Von 36,6 Grad Celsius Körpertemperatur wird es auf zirka vier Grad Celsius herunter gekühlt. Dadurch verlangsamt sich der Stoffwechsel mit der Folge, dass Schäden am Organ gering gehalten werden. Das Organ muss aber sofort in den ersten Minuten nach der Entnahme gekühlt werden und kann dann auch nur rund vier Stunden unbeschadet transportiert werden. Wenn mehr Zeit vergeht, stößt die Methode an ihre Grenzen.

COMPAMED.de: Seit März nutzen Sie ein so genanntes Organ Care System für Spenderherzen in Ihrer Klinik. Damit soll das Organ beim Transport quasi am Leben gehalten werden. Wie funktioniert das?

Karck: Das Herz wird an der durchtrennten Hauptschlagader in einer Box an eine Pumpe angeschlossen, ähnlich wie ein Gartenschlauch an einer Wasserleitung. Über diese Pumpe wird das Herz mit körpereigenem Blut des Spenders versorgt. Sie übernimmt die Aufgabe einer kleinen Herz-Lungen-Maschine, wodurch das Organ auch in der Box weiter schlagen kann. Gleichzeitig wird es aber entlastet, weil es nicht aus eigener Kraft arbeiten muss. Die Zeit, die ein Organ zwischen der Entnahme und der Transplantation außerhalb des Körpers unbeschadet übersehen muss, kann mit dem neuen System entscheidend verlängert werden. Wir vermuten je nach Organ bis zu acht Stunden oder länger.

COMPAMED.de: Ist das denn in Deutschland oder Europa nötig? Immerhin sind die Distanzen beim Organtransport hier nicht so groß wie zum Beispiel in den USA, wo das System entwickelt wurde.

Karck: In Einzelfällen ist das System auch bei uns sinnvoll. Es gibt in Europa zwar gut vernetzte Organisationen, die für eine schnelle und strukturierte Verteilung der Spenderorgane sorgen, aber es kommt auch immer wieder vor, dass ein Organ verworfen wird, weil es in der Nähe keinen geeigneten Empfänger gibt und ein längerer Transport auf Eis nicht möglich ist. Solche Fälle sind besonders ärgerlich, weil es sowieso zu wenige Spenderorgane gibt.

COMPAMED.de: Wirkt es sich auch positiv auf die Überlebensrate der Empfänger aus, wenn Organe lebendig transportiert wird?

Karck: So genau kann man das noch nicht sagen. Zurzeit laufen Studien dazu. Wahrscheinlich profitieren vor allem die Empfänger von Spenderherzen von dem System, weil Herzen nicht so lange von der Blutzufuhr getrennt sein dürfen wie beispielsweise Nieren oder eine Leber. Wird das Organ eines Spenders mit Vorerkrankungen transportiert, könnte das neue System dazu beitragen, dass dieses Organ nach der Transplantation besser funktioniert als wenn es auf Eis zu dem Patienten gelangt wäre.

COMPAMED.de: Das klingt vielversprechend. Warum hat es denn so lange gedauert, eine Alternative zum herkömmlichen Transport zu entwickeln?

Karck: Der Transport auf Eis hat sich in vielen Fällen bewährt und ist mit 3.000 Euro auch noch ziemlich günstig. Das Organ Care System ist dagegen technisch sehr komplex. Ärzte dürfen es nur nach vorheriger Schulung bedienen und müssen das Organ im Gerät während des gesamten Transportweges überwachen. Das ist kostenaufwendig und nimmt viel Zeit des Personals in Anspruch.

COMPAMED.de: Rentiert sich der Einsatz dann überhaupt? Immerhin kommen noch Anschaffungskosten von rund 80.000 Euro hinzu.

Karck: Eine Kosten-Nutzen-Analyse muss noch erstellt werden. Ich gehe davon aus, dass das Gerät nach Bedarf zum Einsatz kommt, vor allem auf längeren Transportstrecken oder bei Organen von Spendern mit Erkrankungen. Für diese Fälle ist es wirklich ein Gewinn. Bei kürzeren Strecken und gesunden Organen sollte aber nichts dagegen sprechen, weiterhin die Methode auf Eis zu nutzen.

Das Interview führte Simone Heimann
COMPAMED.de