„Seniorengerechte Verpackungen werden das Thema der Zukunft“


Dr. Horst Antonischki leitet seit über 30 Jahren das Institut für Verpackungsmarktforschung in Braunschweig, das kindergesicherte Verpackungen zertifiziert und sie gleichzeitig auf ihre Seniorenfreundlichkeit prüft. COMPAMED.de sprach mit dem Experten über die Kräfte von Senioren, Kindersicherungen und den Spagat von dort zum „Easy Opening“.

COMPAMED.de: Herr Antonischki, welche Probleme haben Senioren mit dem Öffnen von Medikamentenverpackungen?

Horst Antonischki: Das größte Problem ist der hohe Kraftaufwand, der für das Öffnen zahlreicher Verpackungen notwendig ist. Er sollte 0,6 Newtonmeter, also etwa ein Kilogramm, nicht überschreiten. Außerdem sind Laschen, die zum Öffnen gezogen werden müssen, oft zu klein, schwer zu erkennen oder zu greifen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass viele Öffnungs- und Gebrauchsanleitungen kaum zu lesen sind. Manche haben Schriftgrößen von lediglich 1,5 Millimetern. Dies stellt nicht nur für Senioren, deren Sehschärfe häufig stark abgenommen hat, eine Zumutung dar.

COMPAMED.de: Warum werden Verpackungen so konstruiert?

Antonischki: Die Kindersicherung hat immer Priorität. Mehr als 90 Prozent der älteren Menschen akzeptieren dies, obwohl 70 Prozent Probleme mit dem Öffnen der Verpackungen haben. Kindergesichert heißt allerdings nicht, dass die Verpackung generell schwer zu öffnen sein muss. Die Lösung ist ein Trick, den Kinder aufgrund ihrer noch beschränkten kognitiven Fähigkeiten nicht durchschauen können. Die älteste und bekannteste Kindersicherung mit Köpfchen sind Verschlüsse, die nur durch gleichzeitiges Drücken und Drehen zu öffnen sind. Allerdings haben damit vor allem Senioren mit Gelenkbeschwerden Schwierigkeiten, weil das Öffnen der Verschlüsse viel Kraft erfordert.

 
 
Foto: Durchdrückpackung mit Tabletten in einer Papptasche
Wallets mit "Schlüsselloch-System"
sind seniorenfreundlich; © ivm
 
 

COMPAMED.de: Gibt es denn keine Alternativen?

Antonischki: Doch, es gibt zum einen den Bajonettverschluss. Der funktioniert ähnlich wie der Druck-Dreh-Verschluss, man braucht aber nicht so viel Kraft, um ihn zu bewegen. Oder aber Wallets. Das sind Durchdrückpackungen für Tabletten in einer Papptasche. Die Kindersicherung ist garantiert, weil man mehrere Schritte zum Öffnen braucht. Das Schlüsselloch-System funktioniert beispielsweise so: Die längliche Pillenkapsel liegt auf einer Drehscheibe quer in der Durchdrückpackung. Reißt man eine Plastiklasche ab, wird die Drehscheibe beweglich. Dann erst kann man die Kapsel um 90 Grad drehen, so dass sie über einer vorgestanzten Öffnung liegt und man sie herausdrücken kann. Beim Sieb-System, ein weiteres Beispiel für Wallets, befindet sich zwischen der Durchdrückpackung und der perforierten Papprückwand eine dünne Kunststofffolie, die sich verschieben lässt. Erst wenn man diese Kunststofffolie seitlich aus der Verpackung herauszieht, kann man die Pille durch die Aluminiumfolie der Durchdrückpackung und die perforierte Pappe pressen. Das sind wirklich insgesamt besonders seniorenfreundliche Verpackungen, da sie in der Regel ausgezeichnet zu öffnen sind.

COMPAMED.de: Gibt es diese Wallets schon im Handel?

Antonischki: Leider nur sehr wenig, weil sie in der Herstellung verhältnismäßig teuer sind. Zudem scheuen die Pharmakonzerne die aufwändigen und langwierigen Zulassungsverfahren für neue Verpackungen beim Bundesamt für Arzneimittel. Ich glaube aber, dass sich hier bald etwas ändern wird. Seniorengerechte Verpackungen werden aufgrund des demographischen Wandels das Thema der Zukunft sein.

COMPAMED.de: Es gibt immer mehr Senioren, aber es wird ihnen eigentlich relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Antonischki: Das liegt zum einen einfach an den relativ teuren Zulassungsverfahren. Aber auch daran, dass Patienten wenig Einfluss auf die Verpackung von Arzneimitteln nehmen können. Sie besorgen sich das Medikament, das der Arzt verschreibt.

COMPAMED.de: Wird denn irgendwo mehr Wert auf seniorenfreundliche Verpackungen gelegt?

Antonischki: Ja, in den USA. Dort gibt es nicht so umfangreiche Zulassungsverfahren. Vermutlich haben die Amerikaner aber auch die Zeichen der Zeit besser erkannt, und das heißt ein wachsender Seniorenmarkt.

Das Interview führte Sonja Endres.
COMPAMED.de