Foto: CT-Aufnahme eines Gehirns
Neuroprothesen sollen kranken
Menschen helfen, sie aber nicht fern-
steuern; © M. Torloxten/Pixelio.de

Doktor Jens Clausen ist Dozent und Forscher am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Mit ihm sprach COMPAMED.de über ferngesteuerte Stiere, ethische Bedenken und den Nutzen von Neuroprothesen.


COMPAMED.de: Herr Clausen, Affen konnten in Versuchen über Neuroimplantate bereits ferngesteuert werden. Und Experten sagen, man könne das Verhalten des Menschen durch die Stimulation seines Gehirns verändern. Die Gedanken sind frei – wird das in Zukunft nur noch ein Liedtext sein?

Jens Clausen: Die Gedanken sollten frei bleiben. Natürlich wurden aus wissenschaftlicher Sicht schon in den 50er Jahren erstaunliche Experimente mit Tieren gemacht. In Spanien wurde ein Stier in einer Arena über einen Chip gelenkt und angehalten. Jüngst wurden Ratten mittels ferngesteuerter Hirnstimulation durch einen Parcours gelenkt. Beim Menschen stehen aber ganz andere Ziele im Vordergrund, und zwar zu helfen. Die Zielsetzung ist keine Fremdsteuerung. Ein Tiefen-Hirn-Stimulator wird ins Gehirn eingesetzt, um motorische Symptome zu lindern. Ideen und Gedanken kann man damit nicht lesen. Ich habe nicht die Befürchtung, dass Patienten ferngesteuert werden, denn ich beobachte die Ernsthaftigkeit der Ärzte, mit der die Entscheidungen getroffen werden, welche Patienten eine Neuroprothese bekommen.

COMPAMED.de: Neuroprothesen geben Hoffnung bei vielen neurologischen Krankheiten, die bisher nicht in den Griff zu bekommen waren wie Parkinson, Epilepsie und schwerste Depressionen. Aber neben der hoffnungsvollen Debatte ist auch eine zugange, die sich mit ethischen Fragen beschäftigt. Worum geht es genau? Was sind die Probleme, die Ethiker sehen?

Clausen: Es dürfen in der Öffentlichkeit nicht nur die optimalen Ergebnisse beispielsweise bei Parkinson gezeigt werden, sondern es muss auch immer deutlich sein, dass ein solcher Eingriff deutliche Änderungen im Gefühlshaushalt wie Depressionen oder Aggressionen hervorrufen kann. Außerdem besteht auch immer ein Operationsrisiko durch Blutungen oder Schwellungen, wenn Elektroden ins Gehirn eingesetzt wird. Wenn eine Ader getroffen wird, kann das verheerende Folgen haben. Man kann während einer solchen Operation sterben oder danach schwerbehindert sein. Es ist wichtig, dass Patienten aufgeklärt werden. Das sind Gründe dafür, dass Neuroprothesen nur als Last Chance angewendet werden dürfen. Nur wenn alle anderen Therapien und Medikamente nicht helfen.

COMPAMED.de: Vor einem Jahr stellten New Yorker Forscher ein Experiment vor, bei dem einem Patienten, der sechs Jahre im Wachkoma lag, ein Neuroimplantat eingesetzt wurde. Nun ist er teilweise bei Bewusstsein, kann einige Bruchstücke sprechen, eine Tasse halten und selbsttätig schlucken - und er ist sich seiner aussichtslosen Lage vollkommen bewusst. Ist das ethisch vertretbar?

Clausen: Im klinischen Alltag gibt es immer wieder medizinische Situationen, wo Entscheidungen ohne Zustimmung des Patienten gefällt werden müssen. So wie bei Notfällen oder Bewusstlosigkeit. In diesen Fällen ist ein Entscheidungsgrund für einen Eingriff der sogenannte mutmaßliche Wille des Patienten. Man versucht herauszufinden, was der Patient wollen würde. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Gespräch mit den Angehörigen. Die Ärzte entscheiden dann immer im Team, ob das überhaupt Aussicht auf Erfolg hat. Falls nicht, wird es abgelehnt.

COMPAMED.de: Wie will man also in Zukunft bei Patienten verfahren, denen ein Neuroimplantat helfen könnte, die die Entscheidung aber nicht selbst treffen können?

Clausen: Neben dem mutmaßlichen Willen ist vor allem entscheidend, ob ich mit einem Eingriff mehr schaden oder mehr nutzen kann. Bei einem Wachkomapatienten ist das in der Tat nicht ganz klar. Nur weil sich bestimmte neurologische Funktionen verbessern, muss es dem Patienten nicht automatisch besser gehen.

COMPAMED.de: Wie wird unsere Welt von morgen aussehen mit all den neuen Möglichkeiten in das Gehirn des Menschen einzugreifen?

Clausen: Ich weiß nicht, ob sich die Welt in den nächsten Jahren verändern wird. Es leben ja schon Menschen unter uns, die Implantate haben. Seit Jahrzehnten gibt es Patienten, die mit Tiefen-Hirn-Stimulation oder mit Cochlea-Implantaten leben. Ich glaube, man muss keine Horrorszenarien malen. Man sollte eher darauf achten, dass Prothesen helfen.

Das Interview führte Natascha Mörs.
COMPAMED.de