"Geringer Knochenverlust ist ein Vorteil vor allem für jüngere Patienten"

Interview mit Dr. Mathias Bender, Chefarzt an der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie Bad Windsheim

Beim Einsetzen von Knieimplantaten müssen Knochenteile herausgeschnitten werden. In der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie Bad Windsheim setzen Chirurgen deshalb Prothesen aus einem 3D-Druckverfahren ein. Diese individuellen Implantate bieten Vorteile wie den Erhalt der Knochenmasse. Sie eignen sich jedoch nicht für jeden Patienten – wie Chefarzt Dr. Mathias Bender erklärt.

01/08/2014

Foto: Mathias Bender

Dr. Mathias Bender; © Klinik Bad Windsheim/Wolfram Murr

Herr Dr. Bender, welchen Hauptvorteil bieten die Knieimplantate aus dem 3D-Drucker, die Sie einsetzen?

Mathias Bender
: Im Gegensatz zu Standardimplantaten werden die Knieimplantate aus dem 3D-Drucker individuell für den jeweiligen Patienten angefertigt. Sie sehen also den Originalknochen möglichst ähnlich und passen sich so dem Gelenk perfekt an.

Denn jeder Mensch hat eine etwas unterschiedliche Anatomie.

Bender: So ist es. Die Innen- und Außenseite des Oberschenkelknochens, der zusammen mit dem Schienbein und der Kniescheibe das Kniegelenk bildet, ist bei jedem von uns von Natur aus unterschiedlich geformt. Im Vergleich zu dem inneren Knochen ist der äußere immer etwas kleiner und schmaler. Beide sind auch anders gekrümmt. Bei einer Standardprothese werden diese Asymmetrien und ungleichen Krümmungen oft nicht berücksichtigt.

Was bedeutet das für die Patienten?

Bender: Für den einzelnen Patienten bedeutet es, dass wir ihm viel weniger von dem eigenen Knochen abnehmen müssen, damit sich das Implantat an die Konturen des Gelenks anpasst. Der oft erheblich geringere Knochenverlust beim Einbau der individuellen Prothese stellt vor allem für jüngere Patienten einen großen Vorteil dar. Die Knieimplantate sind nämlich Ersatzteile, die eine gewisse Haltbarkeit haben. Wenn also nach zehn oder 15 Jahren eine Standardprothese eingebaut werden muss, bleibt dafür immer noch genügend Knochen übrig.

Wir verfügen jedoch noch nicht über Langzeitergebnisse zu den Prothesen aus dem 3D-Drucker, da wir sie erst seit 2007 als Teil- und seit 2011 als Vollprothese bei unseren Patienten einsetzen. In der Zeit gab es noch keinen Patienten, der einen Wechsel von der individuellen auf eine Standardvollprothese nötig hatte. Daher können wir den erhofften Effekt bisher nicht belegen, nur annehmen.

Foto: Dr. Mathias Bender im Beratungsgespräch mit einer Patientin

Dr. Bender und seine Kollegen stellen ihren Patienten in einem Beratungsgespräch die Versorgungsmöglichkeiten vor, die sie ihnen anbieten können; ©Klinik Bad Windsheim/Wolfram Murr

Wie verläuft der Herstellungsprozess?

Bender: Wir sehen uns Röntgenbilder des Patienten an und befragen ihn zu seinen Beschwerden. Dann entscheiden wir, ob er eine Prothese braucht. Wir stellen ihm danach die Versorgungsmöglichkeiten vor, die wir ihm anbieten können – sei es eine Teil- oder Vollprothese, Standard- oder Individualimplantat aus dem 3D-Drucker. Wenn eine individuelle Prothese für den Patienten geeignet ist und er sich für sie entscheidet, legen wir gemeinsam einen Operationstermin fest.

Im nächsten Schritt machen wir mit der Computertomografie dreidimensionale Bilder der Hüft-, Knie- und Sprunggelenksregion. Mit diesen Schnittbildern können die Beinachse, die Rotation des Beines, die Form und die Anatomie des Knochens im Kniegelenk komplett dargestellt werden. Diese Bilddaten schicken wir zusammen mit einem Beauftragungsprotokoll nach Boston, wo die Prothese hergestellt wird. Nach 4-6 Wochen bei einer Teilprothese und 6-8 Wochen bei einer Vollprothese bekommen wir dann ein steril verpacktes Produkt mit ebenfalls speziell für diese eine Prothese hergestelltem Instrumentarium zugesendet. Wir bekommen alles, was wir für die Operation brauchen, in einem Paket. Für uns Chirurgen ist das ein großer Vorteil.

Ist das ein Vorteil, der Sie von den Prothesen überzeugt hat?

Bender: Vor allem ist das eine Innovation, die für mein Verständnis keine Nachteile, sondern nur Vorteile für Patienten hat. Gerade die Teilprothesen – die zum Einsatz kommen, wenn nur die Innen- oder die Außenseite des Kniegelenks ausgewechselt werden muss – haben einen entscheidenden Vorteil: Sie decken durch die CT-Planung den Knochen hundertprozentig ab.

Außerdem hat mich der geringe Knochenverlust beim Einbau der individuellen Prothese absolut überzeugt. Als Operateur habe ich bei der Operation auch eine gewisse Sicherheit: Zusammen mit dem Implantat erhalte ich eine genaue Planung, welche Knochenbauten ich entfernen muss, damit es optimal passt. Anhand der patientenindividuellen Daten kann ich mich während der Operation bestens orientieren und jederzeit überprüfen, ob ich mich an die Planung halte.
Foto: Chirurgen der Klinik Bad Windsheim bei einer Knie-OP

Die Chirurgen bekommen für jeden Patienten ein Packet mit der individuellen Prothese aus dem 3D-Drucker; © Klinik Bad Windsheim/ Wolfram Murr

Warum eignet sich die individuelle Prothese nicht für alle Patienten?

Bender: Es ist ein relativ teures Implantat, das zu Lasten der Krankenkassen fällt. Damit kann nicht jeder versorgt werden. Das Implantat sollte für Patienten sein, die auch davon profitieren können. Ein Patient um die 60 etwa wird einen Wechsel der Knieprothese erleben. Wenn ich dann beim Ersteingriff, egal ob für eine Teil- oder Vollprothese, knochensparend arbeiten kann, habe ich eine größere Chance, dass beim zweiten Eingriff noch genug Knochen vorhanden ist, um die zweite Prothese einzubauen. Manche Erkrankungen oder ihre Folgen kann man auch gar nicht mit einer individuellen Prothese ausgleichen, zum Beispiel wenn der Patient nach einer langjährigen Arthrose eine fehlende Beinstreckung über 15 Grad oder ein massives X-Bein mit Bandlockerung hat.

Aus welchen Materialien werden die Implantate hergestellt?

Bender: Wie auch bei Standardprothesen werden bei den 3D-Drucker-Implantaten Chrom, Cobalt oder Molybdän verwendet. Die Prothese wird gedruckt, poliert und gestrahlt. Sie durchläuft auch einen Qualitätszirkel, bei dem sie mit der Originalplanung verglichen wird. Jede Prothese durchläuft auch noch eine optische Kontrolle – sie wird auf Unschärfen oder Kanten und Risse überprüft.

Wie oft werden die individuellen Knieimplantate in Ihrer Klinik eingesetzt?

Bender: Im letzten Jahr haben wir 220 Knieprothesen implantiert, davon waren 70 in dem 3D-Druck-Verfahren hergestellt. Diese individuelle Prothese ist eine Ergänzung der Standard-Endoprothese am Kniegelenk. Man sollte pfleglich mit den Entscheidungen umgehen, welchen Patienten man damit versorgt. Bei jedem Patienten prüfen wir die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten, die uns die Industrie bietet, und suchen dann die beste Prothese für ihn aus.

Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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