"Dünne Schichten werden die entscheidenden Funktionselemente sein"

COMPAMED.de sprach mit Winfried Blau, Professor für Physik und ehemaliger Geschäftsführer der europäischen Forschungsgesellschaft dünne Schichten e.V. (EFDS), über Ziele der weit verzweigten Branche für dünne Schichten, Zukunftsmärkte in der Medizin und Photovoltaikanlagen auf Kamelen.

COMPAMED.de: Die EFDS hat zum größten Teil deutsche Unternehmen als Vereinsmitglieder. Seit einiger Zeit bemüht man sich aber um mehr europäische Zusammenarbeit. Warum?

Winfried Blau: Die deutschen Firmen auf dem Gebiet der Plasmatechnik, Vakuumtechnik und Beschichtungsverfahren sind führend auf der Welt und der deutsche Markt ist zu klein. Das Ziel ist, weiter ins Ausland zu expandieren und es wird mittlerweile schon zu einem großen Teil ins europäische Umland expandiert.

COMPAMED.de: Die EFDS verteilt als industrielle Forschungsvereinigung Gelder an gemeinnützige Forschungsprojekte. Auf welchen Gebieten wird gefördert?

Blau: Das sind alles Projekte, in denen es um Vakuumtechnologien zur Beschichtung und Oberflächenbehandlung von verschiedenen Gegenständen geht. Themen sind Verschleißschutz, dekorative Beschichtungen, Energietechnik wie Wärmeschutzverglasung oder Photovoltaik. Im Turbinenbau werden Schaufeln beschichtet, optische Eigenschaften von Oberflächen werden verändert. Das ist auch alles schon im Alltag angekommen.

COMPAMED.de: Und in der Medizintechnik?

Blau: In dem Bereich Medizintechnik wird in Richtung Biokompatibilität von Metallteilen geforscht oder wie man Kunststoffteile antibakteriell beschichten kann. Dünne Schichten könnten als Barrieren gegen krebsauslösende Stoffe dienen. Auch Textilien können beschichtet werden, wichtig zum Beispiel in der Wundbehandlung.

COMPAMED.de: Aber viele Anwendungen von Dünnschichten sieht man auf dem aktuellen Medizinprodukte-Markt nicht.

Blau: Na ja, in der Implantattechnik sind Beschichtungen der Stand der Technik heutzutage. Künstliche Hüft- oder Kniegelenke – die sind alle beschichtet. Probleme hat es bei Herz-Stents gegeben. Für die wurden verschiedenste Schichten entwickelt. Eine Schicht wurde führend eingesetzt. Das war eine Kunststoffmatrix mit Cytostatika, um Ansiedlung von Epithelzellen zu verhindern. In einer Studie wurde ein Krebsrisiko nachgewiesen – seitdem sind diese Schichten raus, aber der schlechte Ruf lebt weiter. Das macht es für andere Schichten schwer, die es gab um zum Beispiel Allergien zu verhindern. Aber Nichtfachmänner, dazu gehören auch Klinikbetreiber und Mediziner, hören mal, dass etwas schlecht war und nutzen dann gar nichts mehr.

COMPAMED.de: Lag das aber nicht vielleicht auch an den sehr hohen Kosten der Stents durch Beschichtungen?

Blau: Stents kosten eh schon viel, davon sind Beschichtungen nur ein Teil. Wenn es marktwirtschaftlich zugehen würde in der Medizintechnik, dann wären Stents allgemein viel günstiger. Die hohen Kosten liegen am System und das wäre lösbar. Nicht die Schichten sind so teuer, sondern das System macht sie so teuer.

COMPAMED.de: Und wie könnte man das Problem lösen?

Blau: Die Lösung kann nur der Gesetzgeber geben. Es liegt daran, dass in der Medizin keine freie Marktwirtschaft herrscht. Der Gesetzgeber muss es irgendwie schaffen, sich den großen Lobbyisten aus der Gesundheitswirtschaft zu widersetzen.

COMPAMED.de: Gibt es denn auch eine positive Entwicklung für dünne Schichten auf dem Medizingerätemarkt?

Blau: Ein großer Bereich in der Medizintechnik ist die Mikrodiagnostik. Das ist ein Markt, der sich gerade riesig entwickelt. Auf Biochips, die zum Beispiel für Genanalysen entwickelt werden – dort werden dünne Schichten die entscheidenden Funktionselemente sein. Das ist alles erst in der Entwicklung aber in zehn bis 20 Jahren wird daraus ein riesiger Markt entstehen. Vor allen Dingen auch, weil dieser Bereich nicht nur über die Kasse abgerechnet wird, sondern auch durch Selbstmedikation eigenfinanziert sein wird.

COMPAMED.de: Dünne Schichten als Anwärter auf einen Platz unter den führenden Zukunftstechnologien?

Blau: Dünne Schichten sind nicht erst entscheidend für die Zukunft. Schon jetzt gibt es in der Photovoltaik jährliche Wachstumsraten von 30 bis 50 Prozent. Das hat zwar nicht direkt etwas mit der Medizintechnik zu tun, aber es kommt doch manchmal zu kuriosen Symbiosen, wenn ein Technikbereich den anderen berührt: Wenn in der Sahara zum Beispiel Blutserum gekühlt transportiert werden muss, dann trägt das Kamel die Behälter durch die Wüste. Aber nicht nur die, sondern auf den Höckern zusätzlich ein kleines Dächlein mit eine Photovoltaikanlage, die die Energie zur Kühlung produziert.

Das Gespräch führte Wiebke Heiss
COMPAMED.de